Von Carl Dahlhaus

Daß sich so berühmte Bücher wie die "Fragmente" des Novalis oder Nietzsches "Wille zur Macht" unter dem Zugriff der Philologie in bloße "Materialien" – oder Geröllhalden – verwandeln, ist ein offenbar unvermeidlicher Vorgang, den man erfreulich oder betrüblich finden mag, aber jedenfalls hinnehmen muß. (Es sollte allerdings erlaubt sein, sich inkonsequent zu verhalten und an Tiecks Novalis-Bearbeitung die Kunstleistung, an der Klitterung der Elisabeth Förster-Nietzsche dagegen das Moment der Verfälschung hervorzuheben.)

Claude Debussys "Monsieur Croche" ist endlich, nach einem halben Jahrhundert, in der authentischen Fassung erschienen, die der Komponist nicht gewollt hat. Die erste Ausgabe gesammelter Musikkritiken und -feuilletons, 1921 erschienen und von Debussy noch selbst arrangiert, präsentierte sich als geschlossenes Buch, und François Lesure, von dem die jetzt vorliegende vollständige und chronologisch geordnete Edition erarbeitet wurde, bemerkt zu Recht, daß damals, 1921, die Leser "allen Grund" hatten, "anzunehmen, daß sie ein Lehrbuch in der Hand hielten, das Debussy zu dem Zweck verfaßte, seine künstlerischen Ansichten niederzulegen" –

Claude Debussy: "Monsieur Croche – Sämtliche Schriften und Interviews", herausgegeben von François Lesure, aus dem Französischen von Josef Häusler; Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart, 1974; 282 S., 28,80 DM

Die authentische Version, von Josef Häusler sorgfältig ins Deutsche übersetzt (ein "Kreuzweg" ist allerdings nicht dasselbe wie ein "Leidensweg"), ist weniger eine Sammlung ästhetischer Maximen als ein geschichtliches Dokument: Man muß sich die Grundstruktur des Debussyschen Musikdenkens aus publizistischen Reflexen auf einzelne musikalische Ereignisse zusammensetzen. Daß jedoch ein innerer Zusammenhang besteht, zeigt sich äußerlich an der Neigung zur wörtlichen Wiederholung, und zwar zur Repetition besonders charakteristischer Partien. (Wenn Debussy die Zeitung wechselte, für die er schrieb, scheute er nicht davor zurück, ganze Passagen aus früheren Artikeln noch einmal drucken zu lassen.)

Debussy, den, man als Komponisten zu den Begründern der musikalischen Moderne zählte gehört als Musikschriftsteller insofern noch dem Jahrhundert der Romantik an, als er sich entschieden weigerte, vom kompositorischen Metier zu sprechen. Wie bei den Musikkritiken Hugo Wölfs wäre es schwierig, den Autor als Komponisten zu erkennen, wenn man es nicht wüßte. Pointiert ausgedrückt: Die Komponisten des 20. Jahrhunderts gebärden sich, wenn sie schreiben, wie musikalische Ingenieure, die des 19. wie Feuilletonisten. Niemals ist von musikalischer Technik die Rede; entweder plaudert Debussy – selten ohne latente Bosheit – oder er versucht, auf den verschlungenen Wegen der Paraphrase die poetische Substanz von Musik in andeutende Worte zu fassen.

Auffällig ist seine Schwäche für Massenet. Die Urteile über Wagner sind differenzierter, als es das Gerücht über Debussys programmatisch-nationalistische Wagner-Feindschaft wahrhaben möchte. Um so gröber ist die Polemik gegen Gluck, dem er vorwirft, die französische Musik korrumpiert zu haben. Wenn er Jean-Philippe Rameau rühmt, ist er zweifellos im Recht (den nationalistischen Ton mancher Argumentationen kann man überhören): Es wäre wirklich an der Zeit, nach Vivaldi und Charpentier endlich einmal Rameau für die musikalische Praxis zu entdecken.