Das Angebot der Veba, die freien Aktionäre der Gelsenberg AG. im Verhältnis 5:4 unter Zuzahlung von sechs Mark je Aktie abzufinden, entspricht in etwa den Erwartungen der Börsianer. Das heißt nicht, daß es bei den Gelsenberg-Aktionären nur zufriedene Gesichter gibt. Um einem Insidermißbrauch vorzubeugen, war der Kurs der Gelsenberg-Aktien eine Woche lang ausgesetzt worden, so daß nur ein außerbörslicher Handel möglich war. Er verlief ohne Sensationen, denn mit einer für die Gelsenberg-Aktionäre reizvollen Offerte hatte niemand gerechnet, auch wenn die Vorstände beider Unternehmen vorher bekanntgegeben hatten, bei dem Umtauschangebot sollten die zu erwartenden Vorteile aus der Kooperation von Gelsenberg und der Veba berücksichtigt werden.

Von vornherein war sicher, daß das Abfindungsangebot sich nicht an dem Preis orientieren würde, den der Bund für 48 Prozent des 485 Millionen Mark betragenden Gelsenberg-Aktienkapitals an das RWE gezahlt hat. Das RWE erhielt 137 Mark je Aktie (insgesamt etwa 640 Millionen Mark), über die Börse kaufte der Bund dann noch Gelsenberg-Aktien zu, so daß er heute über 51,3 Prozent des Gelsenberg-Kapitals verfügt. Das RWE forderte und erhielt einen saftigen Paketzuschlag, die freien Aktionäre, deren Gelsenberg-Aktien heute noch knapp 80 Mark wert sind, bekommen ihn natürlich nicht.

Am 12. Dezember werden die Veba-Aktionäre in einer außerordentlichen Hauptversammlung über das Umtauschangebot diskutieren können. Dann müssen sie die zur Realisierung des Angebotes notwendige Kapitalerhöhung beschließen. Dabei ist Gelegenheit, die Verwaltung eingehend nach den Vorteilen des Zusammenschlusses beider Unternehmen zu befragen, die rechtlich zwar vorerst selbständig bleiben, aber unter einheitlicher Führung stehen werden. Ohne Zweifel sind die Veba-Aktionäre die Gewinner der Transaktion. Denn – um sie zu einem guten Abschluß zu bringen – zahlt der Bund 145 Millionen in die Veba-Kasse, falls alle freien Gelsenberg-Aktionäre von der Umtauschofferte Gebrauch machen. Berücksichtigt man außerdem den "Überpreis", den der Bund für die aus dem RWE-Besitz erworbenen Gelsenberg-Aktien gezahlt hat, so wird hier der deutsche Steuerzahler mit über 400 Millionen Mark belastet, die zum Teil den Veba-Aktionären zugute kommen. Diesen Steuergroschen-Segen bekommt der Veba-Aktionär unmittelbar zu spüren. Die für das nächste Jahr vorgesehene Veba-Kapitalerhöhung ist von der Tagesordnung abgesetzt. Die Aussicht auf ein Bezugsrecht hatte in den letzten Wochen den Kurs der Veba-Aktien schon belastet. Für das laufende Geschäftsjahr kann der Veba-Aktionär wieder mit einer Dividende von 15 Prozent rechnen; sie wird noch nicht an die tauschenden Gelsenberg-Aktionäre gezahlt. Denn ihre Aktien sind erst ab 1. Januar 1975 dividendenberechtigt.

Veba-Chef von Bennigsen versicherte ausdrücklich, daß es für die Gelsenberg-Aktionäre zwecklos sei, auf eine bessere Abfindung zu spekulieren. Ebensowenig hätte es Sinn, auf eine Dividendengarantie zu hoffen.

Die Mehrzahl der Börsianer scheint der Auffassung zu sein, daß es wenig Sinn hat, an Gelsenberg-Aktien festzuhalten. Ein großer Teil dieser Papiere ist in den letzten Jahren von Spekulanten erworben worden, deren Rechnung nicht aufgegangen ist. Diese Leute haben an Veba-Aktien mit Sicherheit nur ein geringes Interesse. Deshalb ist nicht auszuschließen, daß sowohl der Veba- als auch der Gelsenberg-Kurs noch einige Zeit unter Sonderdruck liegen werden. K. W.