Von Nina Grunenberg

Viel Spaß; am Ende der Welt, wünschte Mr. King vom Britischen Reisebüro in Frankfurt, als er mich auf die Shetlandinseln entließ. Sie liegen zwischen Schottland und dem Polarkreis so hoch oben "im friedlichen Norden" (wie die Shetlander ihn nennen), daß ihre geographische Position selten korrekt verzeichnet ist. Auf manchen Landkarten liegen sie östlich von ihren Schwesterninseln, den Orkneys; andere Kartographen haben die gut und gerne hundert Inselchen, die zusammen "die Shetlands" genannt werden, einfach in das freie Stück Nordatlantik versetzt, das dort oben Morey Firth genannt wird. Richtig ist jedenfalls, daß sie auf demselben Breitengrad liegen wie Grönland und Sibirien.

Ich wußte wenig über die Inseln; eigentlich fiel mir zu den Shetlands. nichts ein außer "Ponys" und "Pullover". Ich kaufte mir noch ein paar dicke Wollhosen, packte Gummistiefel ein und einen sehr alten Burberry. Dieser Aufzug war dem Inselwetter angemessen. Der Golfstrom, der die Küste streift, verhindert dort oben zwar sibirische Kälte, aber es ist windig und rauh, gelegentlich kommt ein Schauer herunter.

Gebucht war ich für Lerwick – so heißt die Capitale der Shetlands – via London, Aberdeen und Kirkwall, der Hauptstadt der Orkneys. Ab Aberdeen flogen wir mit einer Propeller-Maschine, powered by Rolls Royce – klein, aber fein. Der Flugplatz von Lerwick besteht aus einer Rollbahn und zwei Wellblechbaracken, die zugleich die einzige Cafeteria beherbergen, die es weit und breit gibt: Jeder, der zwischen den Hotelmahlzeiten Durst nach Kaffee oder Tee hat und nicht zurückfahren möchte, muß sie ansteuern. Wer Hunger hat, kann eine warme Suppe aus der Gulaschkanone bekommen, das Geschirr wird im Damenklo gespült, und auch Zeitungen vom englischen Festland sind hier zu bekommen, mit ein, zwei Tagen Verspätung. Bei meinen Ausflügen lernte ich den Flugplatz schätzen.

Ohne Auto ist schlecht über die Insel zu kommen. Der Vertreter der Autovermietung Leask & Son, der zum Flugplatz gekommen war, mißtraute mir zwar, weil ich zugeben mußte, noch nie im Vereinigten Königreich gefahren und deshalb auch noch nicht links chauffiert zu haben, aber am nächsten Morgen wurde mir das Auto zum Lerwick-Hotel gebracht – der einzigen Herberge auf der Insel, die kontinentale Ansprüche erfüllt: Dusche und Heizung waren vorhanden, nur der Blick auf den Ozean fehlte; den hatten Geschäftsleute gepachtet, die die Insel von montags bis freitags überlaufen, seit Öl in der Nordsee, in der Nähe der Shetlands, gefunden wurde.

Ich hatte alles, was zu haben war: ein Hotel, und ein Auto, abends garantiert englisches Dinner, das mich begeisterte, weil ich bis dahin nur aus den Kriminalromanen von Agatha Christie wußte, wie zäh das Roastbeef, wie pappig die Soßen in Großbritannien sind. Anschließend schaute ich noch in die Bar. Aber Damen ohne Begleitung machten dort, in einem Haufen baumstarker Männer in Schiebermützen und Shetlandpullovern, die ihr Bier und ihren Whisky kippten, keine sonderlich gute Figur. Da blieb nur noch das Bett und ein gutes Buch.

Wohl deshalb ist in Lerwick der altmodische Buchladen gegenüber der Post immer so voll mit wetterfest angezogenen, rucksackbewehrten Inselwanderern. Bis unter die Decke sind hier Bücher gestapelt, die ich nirgendwo anders spannend gefunden hätte: Bastelanleitungen für Flaschenschiffe, Bücher über die Fauna und Flora der Inselwelt, eine Informationsschrift der Lehrervereinigung über die Bedeutung des schottischen Öls mit Zeichnungen, deren schlichte Pedanterie mich an verflossene Erdkundestunden erinnert; Memoiren von Inselbewohnern, Lehrbücher für Vogelfreunde, Handarbeitshefte und viele englische Kriminal- und Gesellschaftsromane.