ARD, Montag, 28. Oktober: "Der Stiefel im Sumpf", von Hans Lechleitner

Es sollte anders werden – und blieb doch beim alten. Das vertraute Bild: die Idee vorzüglich – und die Ausführung kläglich. Die Autoren, Frau Magnani und die Herren Engelhardt, Lechleitner und Lindlau, sollten die italienische Krise aus vielerlei Perspektiven schildern. Der eine vom Fesselballon aus, mit großem Überblick, der andere aus der Froschperspektive, Personen interviewend, deren Schicksal exemplarisch sein könnte; der eine aus rechter, der andere, aus linker Sicht. (Besser: aus einer eher linken Sicht. Denn ein Sozialist fehlt bekanntlich unter den Reportern unserer Fernsehanstalten. Man merkte es wieder bei der Wahlberichterstattung am vergangenen Sonntag, als der im Sport, nicht aber in der Politik bewanderte Kommentator Rauschenbach zwei gemäßigte Sozialdemokraten als Vertreter der äußersten Linken vorstellte. So baut man Popanze auf.)

Vier Autoren beschreiben ein Land – das kann, wenn wirklich kontrovers argumentiert und gefilmt wird, eine phantastische Sendung werden: Enzensberger, den Anarchismus vorführend; Michael Marschall von Bieberstein, im Gespräch mit Lombardo Radice, über die KPI berichtend; Reinhard Raffalt, zwischen Slums und Vatikan, die Genese des linken Zentrums erörternd; Wallraff im roten Bologna; Joachim Fest am Tiber den Aufstand der Provinzen gegen die verhaßte Zentrale erörternd, gegen das bürokratische Rom, das, wie die Literatur zeigt, seine Sprache längst verloren hat.

Jawohl, das hätte ein Maßstab setzender Film werden können – auch mit bescheidenerer Besetzung. Daß er nicht zustande kam, lag keineswegs am Format der Autoren (sie verstehen ihr Handwerk), sondern vielmehr an der mangelnden ideologischen, perspektivischen, filmtechnischen Differenzierung. Der Apparat zwingt offenbar zur Konformität; es gibt, unter Filmemachern, augenscheinlich Rollenerwartungen, die jede Individualität des Autors vernichten. Anders ist es nicht zu erklären, daß, von winzigen Modifikationen abgesehen, die vier Autoren nahezu identisch argumentierten. Die gleiche Technik. (Das Gegenübe. zum Kulissenbestandteil erniedrigt.) Die gleiche Vorliebe fürs Skurrile, das zwar politisch belanglos, aber filmisch "nirgendwie ergiebig" ist. Die gleiche Oberflächenbebeschreibung, verbunden mit einem Verzicht auf die Darstellung von Zusammenhängen, Entsprechungen und Gegenläufigkeiten. Die gleiche unhistorische Betrachtungsweise. Die gleichen austauschbaren Kategorien. (Die Mitte ist gut, die Extreme sind schlecht. Faschismus ist gleich Kommunismus. Wird ein Roter gezeigt, dann darf man sicher sein, daß unmittelbar darauf ein Anhänger Mussolinis auf dem Bildschirm erscheint – na bitte, da ist er ja schon!)

Das gleiche unpolitische Psychologisieren. (Man filmt Fetzchen aus der Debatte eines kommunistischen Ehepaars und kommentiert: "Die Frau geht auf den Mann ein, was man umgekehrt nicht behaupten kann.") Die gleiche Intimisierung von gesellschaftlichen Problemen (Devise: Atmossphäre ist alles). Die gleichen Leerformeln. Die Wirtschaft des Nordens ist noch in der Lage‚ positive und negative Zeichen in die Weit zu setzen. So ein Satz putzt, hätte Thomas Mann gesagt.)

Die gleiche Sprache. Statt klar und konsequent zu formulieren, exakt und politisch, erging man sich viereinig in metaphorischer Rede. In Italien ist der Kessel mit den sozialen Konflikten am Kochen. Die eiserne Hand des Faschismus greift nach dem Rathaus. Im italienischen Stiefel steckt ein Bein Europas. Frage: Und wo steckt das andere? Oder hat Europa gar, beim heiligen Aristophanes, zwischen Spanien und Griechenland ein drittes Bein?

Das Fazit: Vier Autoren, die im Gleichschritt marschierten. Gleiche Technik, gleiches Weltbild, gleiche Diktion. Ein Marsch der Uniformierten, die sich dem Standard des Apparates anpaßten.

Und dann noch etwas. In der Szene mit dem kommunistischen Ehepaar fiel, die Frau betreffend, der folgende Satz: "Niemand darf wissen, daß sie nicht in Venedig lebt, sonst wäre sie ihren Posten los." Wenn’s niemand wissen darf, warum sagte man’s dann? Hat hier etwa jemand ein Interesse daran, einen Menschen brotlos zu machen? Was gedenkt man in München zu zahlen, wenn die Frau, von der ARD verpfiffen, tatsächlich ihre Stellung verliert? Momos