München

Die 73 Wähler des 100-Seelen-Fleckens Amtmannsdorf im nördlichsten Zipfel des oberbayerischen Kreises Eichstätt machten reinen Tisch. So, als gäbe es keine Alternative, setzten sie am letzten Sonntag allesamt ihr dickes Kreuz auf den Wahlzettel an dieselbe Stelle: auf Liste 1. Und als am Abend des bayerischen Wahltags die Stimmen ausgezählt waren, entpuppte sich Amtmannsdorf als eine jener wenigen Gemeinden, in denen die CSU mit 100 Prozent den totalen Sieg an ihre Fahnen heften konnte. Stunden später, mitten im ersten Siegesrausch und umgeben von erlesenen Büfetts samt bodenständigen Getränken, wurde die Vision von Amtmannsdorf gar noch für wenige Minuten Wirklichkeit. Als da nämlich just während eines Fernsehinterviews mit CSU-Chef Franz Josef Strauß alle Sicherungen durchbrannten und der Strom bei der Wahlparty im Landtag ausfiel, legte sich schwärzeste Nacht über erschreckte Ehrengäste und deren Bewacher. Frohlockte ein Spötter in die Stille: "Mei, jetzat ham wir hundert Prozent."

Derart total freilich fiel der totalste Wahlsieg, den die CSU je errang, auch wieder nicht aus. Der 5,7prozentige Stimmenzuwachs der bayerischen Mehrheitspartei verteilt sich recht unterschiedlich auf die sieben Regierungsbezirke. Da liegen die industrialisierten Großräume Oberbayern und Mittelfranken mit einem Plus von 7,4 und 7,6 Prozent weit über dem Durchschnitt, während die früheren Hochburgen Niederbayern, Oberpfalz und Unterfranken mit vier oder gar nur drei Prozent Zuwachs weit unter dem Landesmittel rangieren. Hinzu kommen ein paar häßliche Minuszeichen vor dem Ergebnis zweier prominenter CSU-Politiker. So mußte Ministerpräsident Alfons Goppel in seinem Stimmkreis Nabburg nicht nur einen freilich lächerlichen Schwung von 0,1 Prozent der Wähler hinnehmen, sondern auch noch eins der wenigen Pluszeichen vor einem SPD-Ergebnis. Sein sozialdemokratischer Kontrahent Otto Benner gewann 1,6 Prozent mehr Stimmen für die SPD als vor vier Jahren. Goppel indes rührte dies wenig, denn 75,2 Prozent der Wähler zeigten sich ihm treu ergeben und bescherten ihm noch immer das beste Wahlergebnis aller Kabinettsmitglieder. Ein halbes Prozent verlor im benachbarten Schwandorf Wirtschafts-Staatssekretär Franz Sackmann, in dessen Stimmkreis die SPD gar um 2,1 Prozent zunahm. Und im Main-Spessart-Kreis, der sich durch die Gebietsreform geschädigt fühlt, büßte die Union sogar 1,7 Prozent ihrer Stimmen ein, während die SPD um 2,9 Hundertstel zunahm.

Für Bayerns Sozialdemokraten, die diese Wahl vor allem durch teilweise zweistellige Minusprozente in den Großräumen München, Augsburg und Hof verloren und dabei in der Landeshauptstadt ihre seit zweieinhalb Jahrzehnten unangefochtenen elf Direktmandate auf einen Schlag an die CSU abgeben mußten, bedeuten die wenigen Pluszahlen nur einen schwachen Trost. Von 21 Direktmandaten im Jahr 1970 blieben lächerliche vier übrig – drei davon in dem vom innerparteilichen Frontkampf verschonten Nürnberg und eines in Fürth. "Die Wähler bekundeten ihre Abneigung gegen Sprüche, die den Zusammenhang mit der Realität verloren haben", stellte denn auch der geschlagene SPD-Spitzenkandidat Dr. Hans Jochen Vogel noch in der Wahlnacht fest, wobei ein Hauch bestätigenden Triumphs in seiner Stimme nicht zu überhören war. Immerhin wurde Vogels These, neomarxistische Schwärmerei könne der Sozialdemokratie nur schaden, zumal sie meist auch noch gegen alle Solidaritätsprinzipien der Partei verstoße, mit dem bayerischen Wahlergebnis schmerzhaft bestätigt. Die Münchner SPD hat sich mehr als Klassenkampf- denn als Volkspartei präsentiert. So forderte der parlamentarische Geschäftsführer der alten SPD-Landtagsfraktion, Reinhold Kaub, deutlicher als andere Sozialdemokraten mit dem Motto der Trümmerräumer der Nachkriegszeit Konsequenzen: "Jetzt muß in der SPD das ‚Ramma damma‘ (das große Aufräumen) beginnen."

So entschlossen sehen die bayerischen Liberalen nicht in die Zukunft. Ihre Landtagssitze schrumpften auf acht zusammen – zwei zuwenig, um eine Fraktion bilden zu können, Ausschußsitze zu besetzen und in den Genuß beachtlicher Zuschüsse für die Fraktionskasse zu kommen. Zudem drückt Bayerns Liberale, die unter der Führung ihrer couragierten Fraktionsvorsitzenden Hildegard Hamm-Brücher so zuversichtlich als "Bayerns Löwenherz" zur Wahl antraten, die Gewißheit, nur durch die wohlwollende Zustimmung der CSU zur Änderung des Wahlrechts wieder ins Parlament zurückgekehrt zu sein. Zwar übersprangen sie die jetzt geltende landesweite Fünfprozenthürde mit knappen 0,2 Prozent, die alte Zehnprozentgrenze auf Regierungsbezirksebene hätte jedoch am letzten Sonntag ihr parlamentarisches Ende bedeutet: In ihrer Hochburg Mittelfranken kam die FDP nur noch auf 8,4 Prozent.

Die SPD ist für Bayerns Liberale jetzt der letzte Rettungsanker. Sollte der FDP-Versuch scheitern, die Mindestgröße für Fraktionen mit Zustimmung der CSU auf acht Abgeordnete herabzusetzen, dann bleibt dem kleinen Häuflein Aufrechter um Hildegard Hamm-Brücher nichts anderes übrig, als eine Fraktionsgemeinschaft mit den Sozialdemokraten einzugehen. Just dies aber widerspricht der langfristigen Strategie von Strauß, der die Liberalen um Josef Ertl seit der Wahl mit Samthandschuhen anfaßt und verkündet: "Die CSU sollte in formalen Fragen großzügig sein. Mit der Koalitionsaussage hat dies noch nichts zu tun."