Von Victor Zorza

Was sich derzeit vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt, erinnert an die Schritte, mit denen Henry Kissinger in der Nixon-Ära – damals in aller Heimlichkeit – sein grand design, sein großes und neues weltpolitisches Konzept, in Bewegung setzte.

Damals reiste er ganz geheim nach Paris, um über einen Vietnam-Frieden zu verhandeln, nach Peking und nach Moskau. Es ging um die Inszenierung jenes weltpolitischen Schauspiels, das planmäßig und pünktlich zur Nixonwahl von 1972 über die Bühne gehen sollte. Kissinger erreichte sein Ziel: Der Friede in Vietnam war "zum Greifen nahe"; Präsident Nixon hatte die chinesische Mauer erklommen und höchstpersönlich dem historischen amerikanisch-chinesischen Konflikt eine Ende gesetzt. In Moskau unterzeichnete er das erste SALT-Abkommen und schlug eine Bresche in jenen Atompilz, der seit langem bedrohlich wie eine schwere Wolke über der Menschheit gehangen hatte.

Jetzt hat Henry Kissinger in Moskau den Grundstein für den Mini-Gipfel zwischen Präsident Ford und Leonid Breschnjew gelegt, der Ende November in Wladiwostok stattfinden wird. Daraus könnte sich bis zum großen Gipfeltreffen vom nächsten Sommer ein neues SALT-Abkommen entwickeln. Das Nixon-Spektakel war seinerzeit auf die Präsidentschaftswahlen von 1972 zugeschnitten. Das für 1975 zu erwartende Gipfelschauspiel würde mit dem 25. sowjetischen Parteikongreß zusammenfallen, der für Breschnjew so wichtig ist wie 1972 die Wahlen für Nixon.

Obendrein hofft Breschnjew, daß auch seine Begegnungen mit Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing bis zum Sommer 1975 Früchte abwerfen und als wesentliche Erfolge für den sowjetischen Parteichef zu Buche schlagen.

Die großen Handelsabkommen, die sich Breschnjew aus der neuen Serie von Gipfelbegegnungen verspricht, würden seine Politik der wirtschaftlichen Koexistenz rechtfertigen. Er muß sie gegen innersowjetische Kritiker verteidigen, die ihm vorwerfen, sich gegen unsichere ökonomische Vorteile auf zu weitgehende politische Konzessionen einzulassen. Die Genfer Sicherheitskonferenz wird offensichtlich in ein glanzvolles gesamteuropäisches Finale münden. Damit würde Breschnjews Europapolitik der Siegel des Erfolges aufgedrückt, eine Politik, die darauf angelegt war, die sowjetischen Vorstöße nach Mitteleuropa während des Zweiten Weltkrieges zu legitimieren und zu zementieren.

Auch das wären jedoch bloß die Anfänge. Der gewichtigste Punkt auf der Tagesordnung des 25. Parteitages ist nicht nur der nächste Fünfjahresplan, sondern ein zum ersten Male aufgestellter Fünfzehnjahresplan. Er wird eine klare Beschreibung der langfristigen Zielsetzungen der Sowjetunion enthalten, politische und auch wirtschaftliche Festlegungen, um die im Inneren des Kreml heftig gerungen wird.