Von Christian Schultz-Gerstein

Ullrich heißt der Held des Romans, und er schreibt sich nicht nur mit einem doppelten 1, sondern er ist auch wirklich etwas Besonderes, er ist vor allem besonders sensibel. Wenn unter dem Schwabinger Edelhimmel lindgrün gekleidete Damen mit lila Fingernägeln über Godards Filme und die documenta plaudern, ein Gewitter ansieht, so lehnt Ullrich unweigerlich am offenen Fenster seiner Mansarde (,,während im Nebenzimmer Geigenspiel einsetzte"). Wenn er am Badestrand Flauberts "Lehrjahre des Gefühls" liest, empfindet er schon das Atmen der neben ihm liegenden Freundin als eine unerträgliche Lärmbelästigung. Oder wenn in der Mensa der Kübel mit den Essensresten vorbeigeschoben wird, so stellt sich in der Seele dieses Jünglings sogleich "das plötzliche Würgen" ein: "Schnell stand er auf und ging hinaus. Draußen stand er im Schatten eines Baumes und mußte einige Male tief durchatmen." Daß die Tagträume des exklusiven, von unappetitlichen Alltäglichkeiten gepeinigten Helden vom sauberen, echten, unverfälschten, das heißt naturverbundenen Leben handeln, versteht sich nun fast schon von selbst. "In einer Wiese liegen, stellte sich Ullrich vor. In der hereinbrechenden Dämmerung die aufsteigende feuchte Kühle spüren."

Ullrich ist also die Hauptfigur einer gemütstriefenden Seelenschnulze? Vieles spricht dafür. Die Kornfelder rauschen, und die regenschweren Wolken dräuen hier nicht anders als in den Werken der Courths-Mahler. Und ebenso wie deren sentimentale Dienstboten ist auch Ullrich von den literarischen Gefühlsklischees beherrscht, die er wie seine Kitsch-Kollegen für ureigenstes Innenleben hält. Auch spielt die Liebe eine Rolle, und es wird geweint. Des weiteren wird einfaches Leben beschworen, komplizierte Welt beklagt und ausgiebig geseufzt: warum nur, warum. Gegen eine Klassifizierung dieses Romans –

Uwe Timm: "Heißer Sommer", Roman; AiitorenEdition C. Bertelsmann Verlag, München; 311 S., 19,– DM.

als Seelenschnulze spricht eigentlich nur die Verlagsankündigung, die "einen Roman um die Studentenbewegung", ein politisches Epos verheißt.

Nun spielt die Handlung tatsächlich in der Zeit zwischen dem Mord an Benno Ohnesorg und dem Attentat auf Rudi Dutschke, und Ullrich ist auch wirklich ein Student (der Germanistik), der in den Sog der damaligen Revolte gerät. Daß er im Verlauf des Romans zum Flugblattverteiler und Anti-Springer-Demonstrant wird, zählt zu den unvorhersehbaren – unvorhersehbar, wenn Verlagsankündigung und Klappentext nicht wären – Überraschungen dieser Geschichte. Denn anfangs sieht man den Protagonisten ein zielloses, von politischen Interessen und Gedankengängen unberührtes Bummelleben führen. Er badet im Baggersee, statt die Vorlesung zu besuchen, liegt mit vollbusigen Frauen im Bett, statt an seinem Hölderlin-Referat zu arbeiten, und erfindet Ausreden für den Vater, der per Post aufs Examen drängt. Von der Studiererei hat Ullrich "die Nase voll", ohne daß man freilich Näheres über die Gründe erfährt. Ullrich erscheint einfach als unschuldiges Opfer des Zeitgeistes, der damals – 1967/68 – so viele des Studierens müde Studenten ergriff. Dieses Verfahren beherrscht den gesamten Roman: Timm stellt seinen Protagonisten nicht dar als ein Subjekt, das sich auf Grund individuell-lebensgeschichtlicher Bedingungen, also aus spezifischen Motiven, verhält wie viele sich damals verhalten haben, sondern trimmt umgekehrt den Studenten Ullrich auf die jeweilige Höhe der Zeit, indem er ihn bis in sein Innenleben zeittypisch kostümiert.

So wie Ullrich erst in Jeans und Polohemd, später mit Schlapphut und langem Mantel auftritt, so wie er erst Hölderlin, dann Marcuse und das "Kursbuch" und schließlich Comics liest, so wie er sich vom Beatle-Fan zum Rolling-Stones-Anhänger "wandelt", kurz, so wie er nach außen hin bewußtlos mit der Mode geht, so auch nach innen. Zunächst leidet er unter den obligaten Konzentrationsstörungen, die 1967 so viele Studenten an sich zu entdecken begannen; in der Hochphase der Spontaneitäts-Ideologie ergreifen sprunghaft wechselnde Launen und der Trieb, ihnen jetzt und sofort nachzugeben, sein Gemüt, ehe er in der jüngsten Stimmung der alt gewordenen Neuen Linken, im Glauben an eine schöne neue Welt mit Glück und Herz seine Ruhe findet. Der letzte Satz des Romans heißt: "Er freute sich."