Women and madness" lautet wesentlich nüchterner der Originaltitel, aber in diesem Falle hat der reißerische Charakter der Eindeutschung seinen guten Sinn –

Phyllis Chesler: "Frauen – das verrückte Geschlecht", aus dem Amerikanischen von Brigitte Stein; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1974; 358 S., 16 Tafeln, 28,– DM.

denn die Autorin, Assistant Professor für Psychologie an der City University of New York und engagierte Women’s-Lib-Streiterin, hatte nicht die Geduld, vielleicht nicht einmal die Absicht, ihr reiches Material zum "Sexismus" in der Psychiatrie zu einer systematisch angelegten Untersuchung zu ordnen, sondern nimmt dieses Material zum Anlaß, ihre Wut und ihre Trauer hinauszuschreien. Diese Wut und Trauer noch in ihren schockierenden Übertreibungen (Protest nicht nur gegen die gesellschaftliche, sondern auch gegen die biologische Ungleichheit) nachzuvollziehen, ist für den männlichen Leser eine heilsame Lektion. Aber eben über die ohnmächtige Wut und Trauer hinauszuführen, wäre die Aufgabe eines solchen Buches.

In einer von Männern beherrschten Gesellschaft müssen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie geradezu zwangsläufig teilhaben an der Aufrechterhaltung patriarchalischer Macht. Wirkt der gängige Begriff der psychischen Gesundheit, wirken diagnostische Kriterien, Einweisungspraxis und Behandlungsmethoden geschlechtsdiskriminierend? Werden Frauen durch die ihnen zugewiesene gesellschaftliche Rolle zum Patienten konditioniert, sind sie in Gefahr, als psychisch krank etikettiert zu werden, wenn sie aus dieser Rolle auszubrechen versuchen? Vollziehen Frauen noch in der psychiatrischen Symptomatik das andressierte Ritual der Unterwerfung?

Unterdrückung hat viele Gesichter, und einige tragen lächelnde Masken. Fragen sind gestellt; die Verzweiflung kann sie nicht beantworten, aber nur die Verzweiflung sucht nach Antworten – dies ist einer der Gründe, warum die Männer vielleicht noch armseliger dran sind als die Frauen: Auch die Macht ist ein (wenn auch komfortables) Gefängnis.

Vom Thema her hat Alice Schwarzer im Vorwort recht: dies ist ein wichtiger Text. Er wäre noch wichtiger, vor allem nützlicher, wenn er in Aufbau und Gedankenführung weniger chaotisch und in der Diktion präziser wäre. Kernstück bleiben die deprimierenden Interviewaussagen weißer und farbiger Amerikanerinnen über ihre Erfahrungen mit Psychotherapie und Psychiatrie; leider sind sie so zerstückelt und mit Kommentaren vermanscht, daß das Typische und das individuell Konkrete wie in einem zerbrochenen Spiegel erscheinen. Hans Krieger