London, im Oktober

In England ist jetzt eine Ausstellung von viertausend deutschen Büchern eröffnet worden, im Rahmen des "deutschen Monats", den das Goethe-Institut veranstaltet. Alles ist da: Literatur, Philosophie, Theologie, Musik, Biologie, Chemie, das Kind und die Medien. Nur Geschichte fehlt. Die Deutschen haben keine Geschichte. In England hat sogar der Henker eine.

Noch ein Unterschied: Er geniert sich nicht, sie selbst zu erzählen. Das stünde unseren Henkern wohl übel an. Albert Pierrepoint, erst Seiner und dann Ihrer Majestät getreuer Exekuteur – er arbeitet mit dem Strick, nicht mit Strom –, hat auch gar keine Veranlassung, sich seines Handwerks zu schämen. Das hatte zwar, wie man sich denken kann, keinen goldenen Boden, sondern sozusagen gar keinen, denn ihn unter dem Delinquenten in der recht abgemessenen Höhe schnell wegzuziehen – eben darin bestand die hauchdünne Grenze zwischen Aufhängehandwerk und Aufhängekunst.

Pierrepoint war ein Künstler. Zum Künstler gehört nicht nur ein bezahlter Job, sondern auch Berufung. Wo es um Leben und Tod geht – jawohl, auch um Leben, "A. P." war nie beleidigt, wenn ihm ein Gnadenerlaß das Opfer aus der Schlinge schnappte – da ist es am besten, wenn man sich der metaphysischen Aspekte der eigenen Tätigkeit genügend versichern kann. "A. P."‚ wie ihn die Eingeweihten nannten, hatte die Berufung direkt vom Herrn über Leben und Tod: "Es ist meine feste Überzeugung, daß ich für die Aufgabe, der ich mich widmete, von einer höheren Macht bestellt bin." Im übrigen war der Henker bis 1964, also bis zur Abschaffung der Todesstrafe, in England natürlich kein finsterer Gesellen den man im Bedarfsfall widerstrebend aus einem obskuren Slum-Dasein hervorbeorderte. Er war Beamter des Innenministeriums, festbestallt, und – in den Grenzen des Möglichen – angesehen. Als 1949 die Königliche Kommission zu Fragen der Todesstrafe tagte, wurde Pierrepoint als einer der Experten um Auskunft gebeten.

Die Berufung kam früh. Mit elf Jahren wurde dem kleinen Albert auf ziemlich plötzliche Weise klar, welchen Beruf sein Vater Henry Pierrepoint ausübte. Das war im Herbst 1916, inmitten allgemeinen Schlachtens. Eine Wochenzeitung namens Thomson Weekly News fand, es sei ein hübscher Kontrapunkt zu Verdun, wenn Englands Scharfrichter Nummer 1 etwas aus seinem Leben plauderte. An einem Kiosk in Hudersfield in Yorkshire sah Albert fortan das Bild seines Vaters mit Schlagzeilen wie: "Meine 10 Jahre als Henker". Da kam dem kleinen Albert die Erleuchtung: Dies ist deine Aufgabe. Du mußt werden, was dein Vater ist. Damals waren Generationsprobleme noch selten, jedenfalls in Hudersfield.

So wurden denn im Jahre 1916 zwei britische Rekorde geboren, von denen damals noch niemand etwas ahnen konnte. Albert Pierrepoint wurde Englands meistbeschäftigter Henker, und Harold Wilson, geboren in Hudersfield 1916, wurde Englands meistgewählter Premierminister. Die beiden hatten später noch einiges andere gemeinsam. In Wilsons erster Amtszeit wurde die Todesstrafe abgeschafft. Und Albert Pierrepoint, dessen geschickt-reibungslose Abwicklung des Unvermeidlichen den Behörden viel von ihrem schlechten Gewissen genommen haben mag, applaudierte der politischen Entscheidung. Das Vorwort seines Memoirenbandes "Executioner: Pierrepoint", erschienen bei Harrap in London, 211 Seiten, zeichnet sich durch den lapidaren Satz aus: "Ich glaube nicht, daß auch nur eine der Hunderte von Hinrichtungen, die ich vorgenommen habe, in irgendeiner Weise andere Mörder abgeschreckt hat. Die Todesstrafe ist nach meiner Meinung schlichte Rache, nichts sonst."

Das nenn’ ich mir einen Henker. Fast scheint er eine tragische Figur. Zu den Photos des Bandes gehört nicht eine einzige gruselige, auflagenfördernde Szene. Wohl sieht man "A. P." mit Frau Anne, der er erst einmal jahrelang verschwieg wohin er eigentlich immer reiste, wenn ihn die Telegramme des Innenministeriums erreichten. Die unvermeidliche "Erkennungsszene", die dann nach 12 Jahren kam, wurde von Pierrepoint eingeleitet, indem er eine der Aufforderungen (zum Hängen zweier Saboteure in Gibraltar) zu Hause herumliegen ließ.