Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im November

So paradox es klingt: Das greifbarste Ergebnis des Besuchs von Bundeskanzler Schmidt und Außenministers Genscher in Moskau besteht im Ungreifbaren – aus Imponderabilien, aus Stimmungen und Eindrücken, die beide Seiten voneinander gewonnen haben. Gewiß, im Wirtschaftlichen wie im Politischen ist hart gerechnet und argumentiert worden, wobei der Kanzler in seiner geschäftsmäßigen Art besonders mit Ministerpräsident Kossygin schnell Kontakt fand. Aber ein solcher Kontakt wäre nicht möglich gewesen, hätten sich die Sowjets nicht vergewissern können, daß die Gäste jene Politik fortzusetzen gewillt sind, die vor vier Jahren Brandt und Scheel vorgezeichnet haben.

Welche Rolle die Imponderabilien spielten, war schon daran zu erkennen, daß entgegen den hierarchischen Regeln des Protokolls Parteisekretär Breschnjew den deutschen Regierungschef auf dem Flughafen empfing und verabschiedete. Eine solche Ehre ist bisher nur Richard Nixon, und auch ihm erst bei seinem zweiten Besuch in der Sowjetunion, zuteil geworden. Breschnjews Westpolitik, das sah man an derlei Äußerlichkeiten deutlich, ist nicht zuletzt auf die Personen abgestellt, mit denen er es im Westen zu tun hat. Das wesentliche Ergebnis des Moskauer Treffens ist, daß dabei keine Antipathie entstand.

Die Sachgespräche waren ebenso offenherzig wie hart – einerseits ein Ausdruck der Normalisierung, andererseits ein Kennzeichen für die unverändert vorhandenen Interessengegensätze und Meinungsverschiedenheiten. Sie kulminieren nach wie vor in der Frage, auf welche Weise Westberlin in das Geflecht der Abkommen und Vereinbarungen zwischen der Sowjetunion und, der Bundesrepublik einbezogen wird. Eben dieses Thema gab die Grundmelodie vom ersten bis zum letzten Tag ab, mag die gemeinsame Erklärung über das Treffen, die so wortreich wie ein russischer Roman ist, auch über die Perspektiven der wirtschaftlichen Zusammenarbeit schwelgen und sich über den eigentlichen Streitpunkt nur in diplomatischen Andeutungen ergehen.

Wie sehr Wirtschaft und Politik miteinander verknüpft sind, wird gerade an jenem Verhandlungsergebnis deutlich, das die deutsche Delegation mit Recht als Erfolg verbuchen kann: an der direkten Einbeziehung Westberlins in das geplante ost-westliche Stromverbundnetz. Daß die Stadt Relais-Station für eine Hochspannungsleitung werden soll, die von einem aus deutschen Mitteln gebauten Atomkraftwerk in der Nähe des früheren Königsberg in die Gegend von Braunschweig führt, sichert ihren Energiebedarf.

Daß durch jenes Verbundnetz notfalls auch Strom aus der Bundesrepublik in die Stadt geschickt werden kann, macht eine zusätzliche Sicherung aus und bekräftigt die Bindungen zwischen der Bundesrepublik und Westberlin. Was sich scheinbar nur technisch ausnimmt, hat somit in Wirklichkeit einen hohen politischen Stellenwert. Die Überlebenschancen Westberlins sind gewachsen.