Die kritische Militärsoziologie meldet sich zu Wort

Von Bernd C, Hesslein

Zweimal in der knapp 25jährigen Geschichte westdeutscher Wiederaufrüstung haben Gewerkschafter an der Spitze des Verteidigungsministeriums gestanden: Theodor Blank, der als Bevollmächtigter von Bundeskanzler Adenauer mit wenig Glück das Projekt der Halbmillionenstreitmacht auf den Weg brachte, und Georg Leber, dessen Reden und Tagesbefehle von wilhelminischer Diktion durchwirkt sind. Beide Männer haben gegenüber dem Militärischen jene verhängnisvolle Befangenheit gezeigt, die den Zivilisten in den Rudi eines Militaristen bringt.

Militärischer Ukas

Solche Militärfrommheit mag auch die Kritikempfindlichkeit des derzeitigen Bundesverteidigungsministers erklären. Denn anders als sein Parteifreund und Vorgänger Helmut Schmidt verschließt sich Georg Leber jeder analytischen Diskussion über die Verteidigungspolitik der Bundesrepublik und über den Auftrag der Bundeswehr. Als 1970 junge Leutnante der Heeresoffiziersschule in Hamburg neue, unkonventionelle Thesen über das Selbstverständnis ihres Berufes aufstellten, befanden sie Helmut Schmidt für diskussionswürdig. Georg Leber hingegen verstieg sich in seiner Reaktion auf eine Handreichung von linksliberalen Militärwissenschaftlern zu dem apodiktischen Votum, hier handele es sich um das Werk von "Wirrköpfen", über das es sich nicht zu diskutieren lohne. So hat denn auch bis heute noch kein bestreßter Bürger in Uniform gewagt, öffentlich zu den gewiß diskussionsbedürftigen Thesen und Darstellungen der "Studiengruppe Militärpolitik" Stellung zu nehmen. Und da Jugendoffiziere die Studie zwar lesen, doch in ihrer Öffentlichkeitsarbeit nicht behandeln dürfen, scheint aus dem Ministerurteil ein militärischer Ukas geworden zu sein.

Gewiß, der Titel

"Ein Anti-Weißbuch. Materialien für eine alternative Militärpolitik"; Studiengruppe Militärpolitik, rororo aktuell, Reinbek 1974; 168 S., 4,80 DM