Wo es um die touristische Zukunft des Landes geht, haben die Pharaonen immer noch ein Wörtchen mitzureden: Auf dem Prospektphoto blickt eine Kolossalstatue Ramses II. im Tempel von Luxor auf die aufgepflanzten Ruderblätter der ägyptischen Nationalstaffel herab. Gemeinsam werben die Vertreter der nationalen Vergangenheit und Gegenwart für eine neue Formel aus Kairoer Planungsministerien: "Trimm dich durch Sport in Ägypten." Auf dem Schwarz-weiß-Hintergrund turnender Athleten aus Pharaonenzeiten treiben, in Farbe, üppige Bikinimädchen Frühsport vor der Cheopspyramide.

"Trimm dich" also nicht mit grüner Lunge, sondern auf dem Vitaparcours im Wüstensand? Die Absicht der Werbestrategen ist klar; sie wollen, daß dem potentiellen Ägyptenbesucher künftig noch etwas anderes einfällt als "Gräber, Götter, Nil", nämlich "Sonne, Sand, Strand".

Wer sich die Pläne des ägyptischen Touristikministers anhört, mag den Eindruck gewinnen, daß Pyramiden und Kolossalstatuen die Maßstäbe in diesem Land auf alle Zeit geprägt haben. Und so sollen die modernen Kolosse den Riesenbauten der Vergangenheit denn auch nicht nachstehen: Superhoteis in Kairo, ein 10 000-Betten-Dorf am Mittelmeer, ein ebenso großes Urlauberzentrum zu Füßen der Sphinx.

Soviel zur Theorie des ägyptischen Tourismus. Und die Praxis?

Zum Beispiel eine Kahnfahrt auf dem Nil. Wir sitzen in einem der behäbigen einmastigen Boote, deren Segel so groß sind, daß sie auch den kleinsten Windhauch auffangen, der über die hohen Ufer kommt. Die Ufer hier, am Katarakt von Assuan, sind trocken und steinig, ein paar Zierbäumchen werden am Aufgang zum Mausoleum des Aga Khan gehätschelt. Von unserer Ausflugsmannschaft entschließt sich nur einer, dort auszusteigen, die anderen bleiben bei Wind und flirrendem Licht, bei Rotwein und Schafskäse unter Segeln sitzen.

Solch eine Segelpartie mitten in der Wüste ist nicht nur exotisches Erlebnis und einer der seltenen Momente, in denen sich der Besichtigungstourist einmal ausruhen kann. Sie ist zugleich symptomatisch für ein Ägyptenbild, wie es die Touristenplaner dem Besucher heute präsentieren möchten: heiter, gelöst, ablenkend von dem Gedanken, daß man sich in einem Land in Kriegsbereitschaft befindet.

Tatsächlich scheint die ägyptische Lage seit dem Oktoberkrieg auch für die Touristen wieder entspannt, bundesdeutsche Urlauber bekommen wieder ohne Verzögerungen ihr Visum. Die Siegesfeiern zum ersten Jahrestag des Yom-Kippur-Krieges mögen den Prozeß noch beschleunigt haben: Die Sandsäcke vor den Königsstatuen und die Papierstreifen an den Vitrinen im ägyptischen Museum sind größtenteils entfernt, auf den Straßen sieht man nur noch selten Militär. Vor den Hauseingängen aber, besonders in Alexandrien, stehen noch immer die halbhohen Ziegelsteinmauern, die als Splitterfang dienten, und die Bewegungsfreiheit des Touristen ist noch eingeschränkt: Zwischen Kairo und Luxor beziehungsweise Assuan kann man sich auch heute nur per Bahn oder Flugzeug bewegen, wieder offen ist dagegen die Wüstenstraße nach Alexandrien.