Der Nahostkonflikt wird explosiv

Von Dietrich Strothmann

Die biblische Legende von Jericho, dessen Mauern durch Josuas Trompeten zu Fall gebracht wurden, ist in Israel noch heute gegenwärtig. Damals begann die jüdische Geschichte auf dem Boden Palästinas. Die Trompeten, die dieser Tage vom arabischen Gipfel aus Rabat herüberschallten, können etwas anderes zum Einsturz bringen: das gewiß lockere Fundament einer Friedensordnung, wie es Henry Kissinger in anstrengender, mühsamer Kleinarbeit gelegt hat. Die Gefahr eines neuen, des fünften israelisch-arabischen Krieges ist kein bloßes Schreckgespenst mehr.

Tatsächlich markiert Rabat, wie Sadat sagte, einen "Wendepunkt". Neu ist nicht, daß die Palästinensische Befreiungsfront (PLO) als die "einzige und legitime" Sprecherin der Palästinenser anerkannt wurde; darauf hatten sich die Staatschefs, mit Ausnahme Husseins, längst geeinigt. Neu ist das Zugeständnis in der Fünf-Punkte-Resolution, wonach es das "Recht des palästinensischen Volkes ist, unter der Führung der PLO auf jedem befreiten palästinensischen Gebiet eine unabhängige, nationale Autorität zu errichten", daß die arabischen Staaten folgerichtig diese "Autorität" unterstützen und sich nicht in die "inneren Angelegenheiten der palästinensischen Aktion" einmischen werden. Überraschen mußte nach allem, was in der Vergangenheit zwischen Hussein und Arafat vorgefallen war, daß auch der jordanische König seinen Schwur auf diese Resolution ablegte und damit, zumindest vorläufig und um die arabische Geschlossenheit zu wahren, auf Westjordanien verzichtete, das sein Großvater 1948 erobert hatte.

Zu fragen bleibt nur, um noch einmal Sadats Wort zu zitieren: Ein "Wendepunkt" wohin? In welche Richtung weist Rabat – auf das Schlachtfeld im Sinai oder zum Konferenztisch in Genf? Auf dieses Exempel wird Henry Kissinger nun die Probe machen müssen. Rabat hat seine Diplomatie einer Lösung Schritt um Schritt einem schonungslosen Härtetest unterworfen. Mit welchem Resultat? Davon wird die alles entscheidende Frage von Krieg und Frieden abhängen, von Krisenregelung und Konfliktausbruch. Vor zwei Wochen, am Ende seiner vorletzten Nahost-Expedition, meinte er noch zuversichtlich, er sehe "positive Anzeichen für einen Frieden"; nun beschleicht ihn Skepsis, ja Resignation. Rabat, so muß er konstatieren, stärkte das arabische Lager der Kriegswilligen und schwächte die israelische Fraktion der Rückzugsbereiten.

Wie soll Henry Kissinger, der ohnehin der einzige von beiden Seiten anerkannte Vermittler weit und breit ist, unter diesen Umständen sein bisheriges Konzept durchsetzen können? Sein Konzept hieß: Erst zwischen Ägypten und Israel eine weitere Rückzugsetappe auf dem Sinai aushandeln, sofern Kairo zum Gewaltverzicht gegenüber Jerusalem bereit ist; sodann eine zweite Abzugsstufe auf den Golanhöhen vereinbaren und schließlich auch am Jordan den Beginn einer gegenseitigen Truppentrennung durchsetzen. In Rabat wurde Kissinger ein Riegel vorgeschoben. Den berühmten drei "Nein" von Khartum, der arabischen Gipfelkonferenz nach dem Junikrieg von 1967, folgten jetzt, ein Jahr nach dem Oktoberkrieg, die drei "Nein" von Rabat: keine Verhandlungen, keine Anerkennung, kein Friede ohne die Palästinenser und ohne die Gründung ihres Staates.

Blockierte Diplomatie Kissingers