Angekündigt war eine "kulturelle Großveranstaltung mit kritischen Fragestellungen", Fortsetzung des vielgeschmähten Nürnberger "Kybernetikons" 1972: Strukturen, Methoden, Ziele und Produktionsweisen des Fernsehens sollten transparent werden, die Besucher "nicht mehr bloßes Objekt der Berichterstattung, sondern Subjekt und Partner" der Programm-Macher sein. Ein Blick hinter die Kulissen des Mediums mit Hilfe von Informationsständen, Diskussionen, Arbeitsgruppen und Großveranstaltungen, alles unter dem verunglückten Motto: "Das Fernsehen gehört uns."

In der Meistersingerhalle gehörten die Nürnberger vier Tage lang eher den Fernsehleuten: als willkommene Versuchskaninchen immer neuer Tests und Fragebogen-Aktionen, als etwas hilflose Staffage eines gigantischen technischen Zirkus, als ganz konventionelles Massenpublikum herbeigereister Bildschirm-Größen.

Gleich am ersten Abend, einem organisatorischen und technischen Fiasko, flanierten die meisten Besucher ziellos durch ein Labyrinth von Kojen, Monitoren, Lautsprechern, Schautafeln, Scheinwerfern und Ankündigungen; die aufgekratzte Atmosphäre erstickte jede Information, Diskussion, Kommunikation. Zwei Vortragende brachen infolgedessen resigniert ab, und das Fernsehvolk – sah fern: Vor den Monitoren versammelte man sich um "Tagesschau", Muhammad Ali und Greta Garbo und ließ dafür Arbeitsgruppen, Diskussionen und ein "Tagesschau"-Team im Stich. Das Programm triumphierte mit schnöder Perfidie über die, die es analysieren wollten.

An den folgenden Abenden entschied sich das Publikum gezielter, diskutierten große und kleine Gruppen konzentrierter über Sportsendungen, Serien, Nachrichten und Werbung, über Senioren-, Ausländer-, Kinder- und Jugendprogramme, die Arbeitswelt im Fernsehen, die Rolle der Frau, die Funktion der Kritik, Programm-Koordination. Ob jemand aber schon das Fernsehen durchschaut, wenn er mal selbst an einem Schneidetisch saß, mit einem Fachmann diskutierte, einen Kommentar verlas? Ob nicht ein Mittelweg zwischen dem überorganisierten Versuch von 1972 und der diesjährigen Improvisation eine bessere Offerte an das durchweg junge Publikum gewesen wäre? Die Veranstalter wollten eine große Show bieten – die Besucher wollten nichts, als ernsthaft und in Ruhe diskutieren, sich informieren, etwas erfahren. Oder sie wollten für ihre drei Mark Eintritt die ZDF-Fußballwand, Carmen Thomas und Harry Valerien einmal in natura sehen – ob das ihre Emanzipation und ihr kritisches Verständnis förderte?

Die Veranstalter waren die Stadt Nürnberg (das Schul- und Kulturreferat sowie die Schule für Rundfunktechnik), die Bundeszentrale für politische Bildung, das ZDF und der Bayerische Rundfunk. Das sind vier miteinander kollidierende Interessen: lokale Kulturpolitik, politische Basisarbeit und eine kleine Funkausstellung. Warum wurde nicht wenigstens die Kritik am "Übernehmikon" von 1972, wie es boshaft genannt wurde, stärker berücksichtigt? Noch immer verschreckten das preziöse soziologisch-politologisch-technologisch-pädagogische Vokabular der Vorausinformationen, der nebulose theoretische Überbau, der etwas hoch angelegte didaktische Anspruch des Unternehmens.

Daß immerhin 8700 Interessenten kamen – viele davon durch die genaue Vorarbeit in den Schulen motiviert –, sollte die Nürnberger bestätigen und sie zu einem neuen Versuch in zwei Jahren ermutigen: mit weniger Papier, besserer Planung und etwas bescheideneren Vorsätzen.

Wolf Donner