Von Hanns Grössel

Vor fünf Jahren legte der Rowohlt Verlag zwei Pamphlete von Paul Nizan vor: "Aden" und "Die Wachhunde". Dem Band waren Dokumente zum "Fall Nizan" angefügt, das heißt zur Geschichte seiner postumen Diffamierung und späteren Rehabilitierung; denn Nizan, der 1940 im Alter von fünfunddreißig Jahren bei Dünkirchen gefallen ist, war 1927 der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten, hatte sie aber 1939 bei Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes verlassen, und als Antwort darauf hatte die KPF die – niemals bewiesene– Legende in Umlauf gesetzt, Nizan sei Polizeispitzel gewesen.

Paul Nizan, für den sich nach dem Kriege vor allem sein Schul- und Studienfreund Jean-Paul Sartre eingesetzt hat, gilt inzwischen längst als rehabilitiert. Rezeption und Nachwirkung seiner Arbeiten jedoch haben in Frankreich nur langsam begonnen, und schwächer noch war ihr Echo im deutschen Sprachgebiet, wo sich mit dem Namen Nizan allenfalls Erinnerungen an Passagen aus den Memoiren Simone de Beauvoirs oder aus Sartres Autobiographie "Die Wörter" verbanden. Die Aufsatzsammlung "Für eine neue Kultur" jedenfalls, die Rowohlt im vorigen Jahr dem Paperback-Band folgen ließ, blieb ebenso unbeachtet wie die beiden Pamphlete.

Die Rowohlt-Publikationen waren die ersten Übersetzungen von Arbeiten Nizans ins Deutsche, wenn man von kürzeren Texten absieht, die 1934, 1935 und 1938 in den Zeitschriften "Internationale Literatur" und "Neue deutsche Blätter" veröffentlicht worden sind, darunter auch Auszüge aus seinem ersten Roman, der jetzt auf deutsch erschienen ist –

Paul Nizan: "Das Leben des Antoine B.", Roman, aus dem Französischen von Gerda Scheffel; BS 402, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 261 S., 10,80 DM.

Das Buch ist 1933 erschienen. Zwei Jahre davor hatte Nizan eine Stelle als Gymnasiallehrer in Bourg-en-Bresse angetreten, war aber wegen seiner politischen Arbeit von der Lokalpresse bald als "roter Messias" verhetzt worden und hatte sich 1932 vom Schuldienst beurlauben lassen. Im selben Jahr schrieb er einen längeren Aufsatz über "Revolutionäre Literatur in Frankreich", mit dem er Position in der damaligen Auseinandersetzung über die Möglichkeiten einer proletarischen oder revolutionären Literatur bezog – einer Auseinandersetzung, deren Etappen auf internationaler Ebene durch die Schriftstellerkongresse in Moskau, 1927, und in Charkow, 1930, später, 1934, durch den ersten Allunionskongreß der sowjetischen Schriftsteller in Moskau markiert wurden, an dem auch Paul Nizan teilnahm.

In Frankreich hatte vor 1930 Henri Barbusse in offiziellem Moskauer Auftrag eine proletarische Literatur propagiert, doch wurde sein pluralistisches Konzept heftig kritisiert – nicht anders als die proletarische Literatur nichtmarxistischer Prägung, wie sie etwa Henry Poulaille und um ihn die Gruppe "Nouvel Âge" vertrat. Dieselbe Kritik artikuliert in aller Schärfe Nizan, der zwischen proletarischer und revolutionärer Literatur streng unterscheidet und deutlich macht, daß die Beschreibung des Proletariats nicht die einzige Aufgabe revolutionärer Literatur sein kann. "Die revolutionäre Literatur", so proklamiert er, "wird von einem revolutionären Standpunkt alle Gegenstände, das Bürgertum genauso wie die Natur, beschreiben."