Das war’s dann also: 220 000 Menschen besuchten in 51 Tagen die mit 95 Bildern, 137 Zeichnungen und graphischen Blättern bisher größte Caspar-David-Friedrich-Ausstellung, kauften 40 000 Kataloge. In Hamburg, dem Ort der Veranstaltung, war Friedrich Gesprächsstoff in der Straßenbahn und beim Segeln, für Kinder und alte Herrschaften. Eine Vertrautheit war ins Spiel gekommen, die sachlicher Gestimmten sprachen von CDF, die zärtlicher Gesinnten von Caspar David. Wer, aus Hamburg kommend, während dieser Wochen in Weimar oder New York oder Lüneburg war, der wurde ausgefragt, um Kataloge gebeten, mit Besuchsandrohungen überrascht. Zu Friedrich kamen Leute, die noch nie in der Kunsthalle gewesen waren. Und es kamen die Künstler von heute: von Paul Flora bis Duane Hanson und Rudolf Hausner bis Gotthard Graubner. In München werden jetzt Pauschalreisen nach Dresden angeboten, dort ist ab 24. November die Ausstellung in reduzierter und modifizierter Form zu sehen.

Man hatte in der Hamburger Kunsthalle, die im Durchschnitt 130 000 Besucher pro Jahr hat, vor Beginn der Ausstellung ein paar Schätzwerte eingesammelt: Werner Hofmann und seine Mitarbeiter prognostizierten etwa 70 000 Besucher, nur eine Reinmachfrau war optimistisch (und, wie sich jetzt herausstellt: realistisch) mit ihrer Schätzung von 150 000.

Warum Friedrich? Auf die Frage gibt es so viele Antworten, wie es Besucher gegeben hat. Auch die Frage jener Frau, die nach zweistündigem Warten vernehmen mußte, daß die Ausstellung jetzt leider geschlossen sei, ist eine Antwort: "Was gibt es denn hier eigentlich?" Das heißt: es gab hier auch den Schneeballeffekt, das Schlangestehen um des Schlangestehens willen und aus Sensationslust. Aber Sensationslust überlebt nur in seltenen Fällen zwei Stehstunden im Freien, wird aufgeweicht vom Regen. Bedenkt man, daß auf fünf Besucher ein verkaufter Katalog kommt (20 Mark kostete er, und man hätte wohl 5000 mehr verkaufen können, aber die Druckerei kam nicht nach), dann ergibt sich, daß das Sensationelle an dem Erfolg war, daß es kein Sensationspublikum war, das kam, daß die Masse der Besucher nicht auf ein Massenerlebnis gestimmt war, sondern auf eine durch Information ergänzte und erweiterte persönliche Erfahrung.

Warum Friedrich heute? Man kann es von oben sehen: die Aufarbeitung des 19. Jahrhunderts, die immer umfassender wird. Man kann es unten erleben: der Rückzug ins Private, der immer spürbarer wird. Oben sucht man Material, untersucht und reiht Belege. Unten entdeckt man Identifikationsobjekte, jenseits des ideologisierten, des asketischen Kunstangebots der letzten Jahre. Es gibt Kurzsichtigkeiten dabei und Mißverständnisse. Von oben: die Durchnumerierung der Motive, die Friedrich dann zum späten Devotionalienhändler oder zum frühen Faschisten werden läßt. Von unten: der Blick auf Häfen ohne Öllachen, auf Wälder ohne Bierdosen, auf Himmel ohne Flugzeuge, auf Städte ohne Schlafstädte, der spontane Blick also auf eine von heute aus gesehen bessere Welt, der die Radikalität übersieht, mit der sich Friedrich gegen seine Welt, die auch er für eine schlechtere hielt, wandte. Friedrichs Landschaftsmalerei ist ein sehr privater, sehr eigenbrötlerischer Akt der Rebellion, mit dem er sich von fast allen Zeitgenossen isolierte, Goethe inklusive.

Andreas Aubert, der norwegische Kunsthistoriker, der den völlig vergessenen Friedrich um die Jahrhundertwende wieder entdeckte, schrieb: "Für die Vollblutromantiker war Friedrich nicht Romantiker genug. Für die Nüchternen nicht nüchtern genug. Für die Klassiker nicht klassisch." Heute kompensiert er Sehnsüchte, erfüllt Ansprüche, scheint allen zu gefallen. Ein Ansturm auf die Einsamkeit: von CDF und Caspar David.

Petra Kipphoff