Von Lothar Ruehl

James Rodney Schlesinger liebt es, am frühen Morgen nach seltenen Vögeln auszuspähen. Aber er schießt nicht. Schilf und Gras, Baum und Strauch sind sein natürliches Milieu. Wenn Henry Kissinger in Nachtclubs zum Dinner an der Seite schöner Frauen oder in europäische Fußballstadien an der Seite einheimischer Gastgeber aus der Politik entweicht, stellt Schlesinger mit der Präzisionskamera dem Wiedehopfe nach.

Viel mehr als der flamboyante Henry mit dem Jet und dem druckreifen Wortspiel auf den Lippen repräsentiert Amerikas Verteidigungsminister Schlesinger den Intellektuellen, der nachdenklich durch Computerhallen stapft. Mit Tweed und Pfeife, kurz geschnittenem grauen Haar, mit frischem Teint und jugendlicher Silhouette auf langen Beinen könnte er dem fashionablen Ostküsten-Set der frühen 60er Jahre entsprungen sein. Ein Hauch von Ivy League University und US Navy ist um ihn, den Enkel österreichischer Einwanderer, die sich in New York durchschlagen mußten, wie die später gekommenen Kissingers aus Fürth. James Schlesinger ist wie gemacht für eine Charakterrolle in "The Best and the Brightest" – die Besten und die Gescheitesten. Robert McNamara ist nicht fern.

Wie weit der große, viel geschmähte und letztlich gescheiterte Vorgänger im Ministerbüro des Pentagon präsent ist, wird noch lange Zeit strittig bleiben. Vieles in Schlesingers Politik und strategischer Doktrin erinnert an McNamaras große Zeit vor zehn Jahren: Die Forderung, daß amerikanische Kernwaffen die sowjetischen wirksam bekämpfen können müssen, die postulierte Alternative zum Großangriff mit Kernfeuerschlägen auf die Städte eines Gegners, die Sorge, daß die eigene Nuklearstrategie in der Abschreckung erstarrt und zu nichts mehr nütze ist als zum totalen Krieg der "Selbstmordoption", die Hervorhebung der Bedeutung konventioneller Waffen und Truppen, die Allianzparole "mehr Standardisierung, mehr funktionsgerechte Arbeitsteilung, mehr Wirtschaftlichkeit und mehr militärische Qualität", schließlich auch die Warnung an die europäischen Verbündeten, sich ausschließlich auf den Schutz des amerikanischen Kernwaffenschirms zu verlassen.

Aber manches unterscheidet Schlesinger von seinem Vorgänger – so die Überzeugung, daß der Sowjetunion mehr Entschiedenheit entgegengesetzt werden müsse und daß die vereinbarte Rüstungsbegrenzung eine zur Kriegsführung wirklich anwendbare nukleare Strategie nicht ersetzen könne.

Politische Brisanz allerdings liegt im Verhältnis Schlesingers zu Kissinger: Es geht dabei um die Einschätzung der sowjetischen Gegenmacht und deren Rüstung. Das wurde ganz deutlich im vergangenen Sommer. Mit der Art, wie Kissinger seine Verhandlungen mit den Russen in Moskau betrieb, war Schlesinger überhaupt nicht einverstanden. Er fürchtete unnötige Zugeständnisse im Sog von Watergate und widersetzte sich einer Verhandlungsführung, die – um des Erfolges willen und im Vertrauen auf spätere Einsicht der Russen in die Gesetze der modernen Strategie und Rüstungstechnologie – den Sowjets zu große Zahlen vorteile überlassen wollte. Er hat ein Konzept der Kompensation sowjetischer und amerikanischer Stärke in einem Abkommen über Rüstungsgleichgewicht entwickelt, und er will die amerikanische Seite der Waage auch mit neuen Gewichten beschweren. James Schlesinger ist ein noch größerer Pessimist als Henry Kissinger, der sich sicherlich keinem frivolen Leichtsinn im Umgang mit den Russen hingibt. Und der Verteidigungsminister weiß, daß seine Stärke in Washington zugenommen hat.

Im Grunde ist Schlesinger mit Außenminister Kissinger in der Analyse und über die meisten politischen Konsequenzen einig. Während aber Kissinger in der Bedrohung der strategischen Streitkräfte des potentiellen Nuklearkriegsgegners die gefährlichste Einzelursache für die Fortsetzung eines destabilisierenden Wettrüstens sieht und damit die größte Gefahr für den Ausbruch eines Nuklearkrieges, ist Schlesinger ganz anderer Meinung. Er glaubt, daß die Fähigkeit, die strategischen Waffensysteme der Sowjetunion und Chinas wirksam bedrohen zu können, die Grundbedingung sei, um Kriege zu verhüten.