Von Hansjakob Stehle

Rom, im November

Den Westberlinern, die ihn stolz im Wappen führen, ist ein anderer Bär aufgebunden worden: Der Vatikan beteilige sich an der Abschnürungspolitik des Kreml gegen die Stadt, denn er habe den Regierenden Bürgermeister Schütz nicht gemeinsam mit dem Bonner Botschafter empfangen wollen. So war letzte Woche aus der Bundesrepublik zu hören. Zur antiklerikalen Allergie mancher Liberalen und Sozialdemokraten gesellte sich die antivatikanische mancher Christdemokraten, die den Papst neuerdings als Kommunistenfreund verdächtigen – so wie sie ihn in den fünfziger Jahren als antikommunistische Gallionsfigur benutzten. Das Gruseln, das sich da vom Tiber über den Rhein bis zur Spree ausbreitete und demnächst sogar in einer Bundestagsanfrage niederschlagen wird, böte Stoff für eine Satire, wenn ihm nicht eine politisch brisante Mischung aus mißglückter Diplomatie und mißbrauchter Hysterie zugrunde läge. Deshalb seien hier die Hintergründe aufgedeckt:

Mit einer Verbalnote vom 27. September erbat der deutsche Vatikan-Botschafter Böker für Schütz, der demnächst aus anderem Anlaß nach Rom komme, eine "Privataudienz" beim Papst. Ein besonderer Besuchszweck oder ein Gesprächsthema wurden nicht genannt; doch legte Schütz wert darauf, daß Botschafter Böker am Gespräch teilnehme.

Ein deutscher Monsignore aus dem Büro des Staatssekretariats-Substituten Benelli (nicht etwa des "Außenministers" Casaroli) teilte darauf am 7. Oktober dem geistlichen Botschaftsrat an der deutschen Vertretung, dem Prälaten Krahe, mit: Der Papst freue sich, trotz starker Arbeitsbelastung, Schütz zu empfangen. Der Herr Botschafter könne ihn bis ins Vorzimmer des Papstes begleiten, doch entspreche es nicht dem für Privataudienzen üblichen Protokoll, das Vier-Augen- zum Sechs-Augen-Gespräch zu machen; gewiß werde der Papst anschließend auch den Botschafter begrüßen. Darauf Krähe: Ob es politische Gründe für diese Einschränkung gebe? Antwort: keineswegs. Auch 1960 und 1966 habe der Berliner Bürgermeister Brandt ohne Zeugen mit dem Papst gesprochen. Gerade wenn man jetzt von der normalen Praxis abwiche, könnte dies politisch mißdeutet werden. Krähe erhob keine weiteren Einwände.

Am nächsten Tag, dem 8. Oktober, schickte Böker seinen Stellvertreter, Botschaftsrat Schad, mit der gleichen Frage noch einmal in den Vatikan. Wieder wies ihn das Büro Benelli auf Präzedenzfälle hin: Bis 1970 seien sogar Bundeskanzler und Bundesaußenminister beim Vier-Augen-Gespräch mit dem Papst stets ohne Botschafter erschienen – so wie etwa auch Amerikas Außenminister Rogers 1972. Falls Bonn und Berlin jedoch auf einer Teilnahme Bökers bestehen möchten, könne man erwägen, die Form der Audienz zu ändern – so wie im Falle des US-Außenministers Kissinger, der im Sommer nicht zur "Privataudienz", sondern zum offiziellen Besuch mit Arbeitsgespräch beim Papst gewesen sei; da habe außer Casaroli auch Sonderbotschafter Cabot Lodge teilgenommen.

Zwei Tage später, am 10. Oktober, erschien Botschafter Böker selber zu seiner allwöchentlichen Visite beim Substituten Benelli und – brachte das Thema nicht mehr zur Sprache. Es schien, als seien die Fragen der Vorsondierung geklärt oder würden demnächst anders. gestellt. Noch gab es ja nicht einmal einen Termin für die Schütz-Audienz. Als dann nach zwei Wochen Stille am 23. Oktober die Botschaft dem Vatikan mitteilte, Schütz bedauere "wegen unaufschiebbarer Verpflichtungen" nicht nach Rom kommen zu können, dachte niemand im Vatikan, daß des nicht der Wahrheit entspräche. Erst die stürmische Kritik, die sich Tage später in Berlin und Bonn erhob, förderte das Windei zutage, das die Vatikanbotschaft inzwischen ausgebrütet hatte: Statt die vatikanischen Gepflogenheiten zu erläutern und in ihrer realen Dimension darzustellen, berichtete Böker – dem die Bonner und die vatikanische Ostpolitik längst mißfällt – pointiert, daß im Auswärtigen Amt und im Berliner Senat, der Eindruck entstehen mußte, es gehe bei all dem um eine Gefälligkeitsgeste gegenüber der DDR und Moskau auf Kosten der Berliner.