Paris, im November

Mit der Krise leben – täglich werden den Franzosen in Zeitungen Tips, Rezepte und Hinweise gegeben, wie am wirkungsvollsten zu sparen sei.

Just in diesem Augenblick finden die Frauen Spaß an einer Mode, der nicht mit "aus alt mach neu" beizukommen ist. Die Frauen wollen Neues, und sie kaufen Neues. Von "Spar-Mode" ist also nicht die Rede. Zwar wird kalkuliert, um vernünftige Preise zu halten, und es werden auch Stoffe gesucht, die dem neuen überweiten Stil sowie der schmalen Linie entgegenkommen.

Die riesige Kleidermasse für den Sommer 75, die tausend Aussteller im "Salon du Prêt-àporter" an der Prote de Versailles zusammendrängte und 48 Kollektionen in Pariser Hotels, Restaurants und in eigenen Räumen laufen ließ, ist breiter gefächert, gleichsam konzilianter in ihren Vorschlägen.

Zum Beispiel Ives Saint Laurent mit seiner Rive-gauche-Kollektion. Er bringt überhaupt nichts Neues, aber dennoch das, was Frauen jetzt wollen. "Die Mode reflektiert unsere Zeit, darum ist es wichtig, daß sie in verschiedenen Teilen zum Mixen angeboten wird. Dann ist sie praktisch, kann individuell zusammengestellt werden und kostet weniger", sagt Ives Saint Laurent. Seine Röcke enden unter dem Knie oder für elegant über dem Knöchel. Seine Röcke sind selten glockig, vielfach am Bund leicht eingekraust wie Zigeunerröcke oder gewickelt und dabei vorne oder hinten zugebunden. Der schlanke Faltenrock wird bei ihm nicht gekillt. Auch nicht die langen Hosen für Boot und Strand. Doch seine knielangen Shorts mit Umschlag sind neuer, seine kurzen schwarzen Pumphosen unter Flatterkitteln frecher – und für junge braune Beine gedacht.

Kittel oder Safarijacken werden zu Kostümen; wenn sich ein Rock dazu gesellt, werden sie mit und ohne Gürtel getragen. Seine Farben sind Indigoblau, Burgunder, Lavendel, Elfenbein und Matrosenweiß und Marine für das Leben am und auf dem Wasser. Hinzu kommt ein sehr dunkles Khaki, das, mit Perlen oder Goldschmuck assortiert, ungewöhnlich elegant aussieht. Übrigens, die gleiche Farbe, doch stark verblichen auf Nessel und Cotton-Voile, wird im nächsten Sommer nicht nur Paris überschwemmen. Cardiganjacken wird man aus Trikot, Flanell und Crêpe de Chine bei Saint Laurent bekommen. Sein "naives Chemise", das Hängerkleid, das überall kopiert wurde, zeigt er jetzt verbilligt in wehender gemusterter Baumwolle. Daneben gibt es ein Kleid mit blusigem Oberteil, kurzen Ärmeln, beliebigen Ausschnitten, immer mit Lackgürteln oder gebundenen Stoffgürteln – also die Taille zeigend. Es ist immer bedruckt, meistens mit Blumen, bei Saint Laurent auf dunklem Fond – ein Sommerkleid mit Charme. Ähnlich, doch in Pastellfarben, ist es zu finden bei Cacharel, bei Daniel Hechter, Christian Aujard, Renata und vielen anderen. Das wird das Kleid werden, das Männer mögen, die allzu Weites kurzweg in die Riege von Umstandskleidern einordnen. Und das nicht zu Unrecht.

Das beängstigende Gedränge in den Schauen, steigerte sich zu Tumulten vor dem Kaufhaus "Printemps", unter dessen gläserner Kuppel die Schau Kenzos für "Jap" ablief. Rausschmeißer mißhandelten die Besucher und schlugen zwei Frauen nieder. Wer endlich bleich und atemlos oben ankam, war – stocksauer. Kein "feeling" für die Kollektion eines so begabten und liebenswürdigen Japaners wie Kenzo. Keine Reklame für das Haus, wie sein Manager hoffte. Kaum Applaus für die Mode noch für die Schar der Mannequins und Dressmen, die mit 60 vorweg konsumierten Flaschen Champagners allzu gelöst ihre Runden drehten.