"Ein bißchen rassistisch"

Von Lito Weinsheimer

Bremen

Er stand 54 Stunden lang im leckgeschlagenen Boot bis zum Bauch im Wasser und kämpfte im Atlantik um sein Leben. Der Schiffsjunge Folkert Anders überlebte die Katastrophe des Windjammers "Pamir". Am 21. September 1957 war die "Pamir" südwestlich der Azoren in den Taifun "Carrie" geraten und gesunken. Die Bilanz: 80 Tote, sechs Gerettete. In der Meyerstraße in Bremen weinten Vater und Muttert Anders vor Glück über die Rettung ihres Sohnes. Ein Reporter fragte den Schiffsjungen, ob er nun die Nase voll habe von der christlichen Seefahrt. Er wisse es noch nicht genau, sagte Anders.

Folkert Anders ist dabei geblieben. Siebzehn Jahre nach der Katastrophe stand Kapitän Anders jetzt als Zeuge vor dem Schwurgericht in Bremen. Das "Pamir"-Unglück streifte er nur kurz. Der Staatsanwalt wollte wissen, wie lange ein Mensch im Meer überleben könne. "Wenn er nicht so trainiert und fit ist wie ich es damals war, nicht lange", sagte der stämmige Kapitän. Er sprach auch von Haien: "Blut zieht Haie an. Wenn einer nicht blutet und sich ruhig verhält, kann er Haien entgehen."

Der namenlose farbige blinde Passagier, der am 13. März 1974 über Bord des von Kapitän Anders geführten Frachters "Margitta" ins Rote Meer geworfen worden ist, hatte stark geblutet. Er ist den Haien nicht entgangen. Seine Leiche wurde nie gefunden. Der "Blinde" hatte sich in Port Sudan auf die "Margitta" geschlichen; als er entdeckt wurde, war der Frachter schon auf hoher See. Am Abend dann wurde er von Schiffsoffizier Hartung, von Bootsmann Eggers und Zimmermann Adler zusammengeschlagen und blutüberströmt ins Rote Meer geworfen. Folgt man der Anklage, dann sind die drei nicht vorbestraften Männer Mörder. Der Staatsanwalt ist sicher, daß sie vorsätzlich aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch getötet haben. Ob ein beizeiten gesprochenes Donnerwort ihres Kapitäns sie von der Tat zurückgehalten hätte, kann heute niemand mehr sagen. Es läßt sich nur vermuten.

Seit dem ersten Verhandlungstag ist sicher: der 23 Jahre alte Zimmermann "Timmy" Adler wird einigermaßen glimpflich davonkommen. Lebenslänglich droht ihm nicht. Bereits in der Anklage wird ihm verminderte Zurechnungsfähigkeit zugebilligt. Der Sachverständige empfahl dem Schwurgericht bei Adler die Anwendung des Pagraphen 51 Absatz 2. Adler, der sonst kaum trank, hatte vor der Tat erhebliche Mengen von Alkohol zu sich genommen. Am 13. März bekam er den Auftrag, auf der "Margitta" die Tür einer ehemaligen Mannschaftstoilette zu reparieren, hinter der der blinde Passagier auf Befehl des Kapitäns bei Wasser und Brot eingesperrt werden sollte. Der Bootsmann Eggers hatte Adler zudem angewiesen, eine Eisenstange neben der Tür stehenzulassen. Damit, so Eggers zu Adler, sollte der "Blinde" am Abend "einen über die Rübe bekommen", falls er widerspenstig werden sollte.

Adler war auch dabei, als sich die Besatzung über den "Blinden" in Rage redete, als von "über die Kante hüpfen" die Rede war. Er hörte die Lesart von seinen Vorgesetzten Hartung und Eggers: Die Lösung, den "Blinden" über Bord zu werfen, sei für den Kapitän und für die Reederei am besten. Damit würden Unannehmlichkeiten erspart. Als Hartung dann abends sagte: ‚Ich geh jetzt rein und mach ihn kalt", widersprach Adler nicht. Er hatte viel Alkohol – Wodka und Bier – in sich hineingeschüttet, die Hitze (über 30 Grad) machte ihm zu schaffen. Er war dann beteiligt beim Zusammenschlagen und Zusammentreten des schreienden "Blinden" und er faßte mit an, als sie ihn zu dritt über Bord varfen.

"Ein bißchen rassistisch"

Der Bootsmann Eggers ist Ostfriese, Jahrgang 1941, Sohn eines Zöllners. Glatter Lebenslauf – wie Hartung und Adler. "Einfach strukturiert", schildert ihn der Sachverständige Dr. Heinrich Engeln. Den Alkoholkonsum führt er in keinem Augenblick als Entschuldigungsgrund für die Tat an. Man habe, so belehrt er in seiner stockenden und schwerfälligen Art im kühlen Schwurgerichtssaal die Norddeutschen, im tropischen Klima eben immer Durst.

Eggers ist bald nach der Tat, noch in der gleichen Nacht, von seinem schlechten Gewissen übermannt worden. Dem Elektriker Hansen hat er gestanden, daß die von Hartung aufgebrachte Unfallversion, nach der der "Blinde" Hartung angegriffen habe und dann bei Hartungs Gegenwehr gestürzt sei, nicht stimmte. Ein Motiv für die Tat kann Eggers so wenig nennen wie seine Mitangeklagten.

Die meisten Probleme gibt der Angeklagte Härtung auf. Der intelligente 42jährige ist der Sohn eines Oberbeamten aus Hannover. Er besuchte das Gymnasium bis zur mittleren Reife. Er ist seit 24 Jahren Seemann. Sein 15 Jahre alter Sohn hat einen Selbstmordversuch unternommen, als er von der Tat des Vaters las. Auf der "Margitta", die ihm nun zum Verhängnis wurde, hat Hartung seit Juni 1973 als "Erster" gearbeitet.

Kapitän Anders spricht lobend über seinen ehemaligen "Ersten", er konnte sich auf ihn verlassen. Hatte Hartung Schwierigkeiten im Umgang mit der farbigen Besatzung? Da zögert der Kapitän mit der Antwort, versichert, er selbst sei besser mit den Farbigen fertig geworden als Hartung. Rassenhaß bei Hartung? Nein, schwächt der Kapitan ab, und dann nach einer Pause: "Er war vielleicht ein bißchen rassistisch."

Drei haben sich zu einer Untat getroffen – der gehorsame Adler, der unbekümmerte Eggers, der tüchtige Hartung. Sie haben in einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, die Aggressionen auf engstem Raum staut, einen Menschen umgebracht. Rechtsanwalt von Döllen fragte deshalb den Psychiater am Abend des dritten Tages, ob dies eine Gruppentat war. Der Gutachter räumt das ein. Keiner von ihnen hätte allein einen Mord oder einen Totschlag begangen.

Auf dem Flur des Bremer Gerichtshauses vor dem Schwurgerichtssaal sagt der Psychiater Dr. Engeln: "Die Drei werden wir nie wiedersehen. Sie sind keine Kriminelle, sie werden nie wieder vor Gericht auftauchen." Bevor sie nie wieder auftauchen, müssen zwei von ihnen vielleicht lebenslang ins Gefängnis.