Von Werner Ross

Thornton Wilders neuer Held, Theophilus North, widmet sich nach seinem Studium zwei vergleichsweise beiläufigen Berufen: Er gibt Tennisstunden und liest gegen Honorar vor. Von seiner sportlichen Pädagogik ist im Laufe des Romans nicht weiter die Rede; um so mehr vom Vorlesen. In der kleinen Neuenglandstadt Newport hungern die Leute geradezu danach, Theophilus als Vorleser zu gewinnen, und so gerät er in die feinsten Häuser und in die schlimmsten Verwicklungen, wird – da mit klassischer Literatur vertraut – ein Ratgeber für verzweifelte Eltern und gelangweilte Ehefrauen, rückt rasch und pfiffig alles ins rechte Lot und macht sich im nächsten Kapitel zu einer weiteren Mission auf. Der deutsche Untertitel deutet diese Seelsorge-Funktion unverblümt an –

Thornton Wilder: "Theophilus North oder Ein Heiliger wider Willen", Roman, aus dem Amerikanischen von Hans Sahl; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1974; 399 S., 32,– DM.

Was Theophilus North wirklich werden will, darüber belehrt er gleich auf den ersten Seiten – alles außer ein Berufstier. Heiliger zu werden, schwebte ihm zwischen zwölf und vierzehn vor, später kamen Völkerkunde, Archäologie, Schauspielen, Zaubern, Detektivspielen, Casanova-Werden hinzu. Außerdem ein Berufsziel, das Hans Sahl in seiner im übrigen höchst schmiegsamen Übersetzung irrtümlich mit "Schurke" wiedergibt. Wilder selbst hat dem Verständnis mit dem spanischen Wort "pícaro" nachgeholfen. Der pícaro ist im Gegensatz zum berufsmäßigen Schurken nicht finster, sondern ein munterer Halunke, im älteren Deutsch ein Schelm.

Thornton Wilder, literarisch mit allen Wassern gewaschen, in allen Erzähltraditionen zu Hause, hat mit "Theophilus North" einen Schelmenroman geschrieben, davon überzeugt man sich schnell, sobald man die mit dem Stichwort "picaro" gegebene Spur verfolgt, Theophilus North ist ein Halbbruder des Felix Krull und anderer ansehnlicher literarischer Spitzbuben, nur halt noch mit weiteren acht Seelen in seiner Brust und bei aller Spitzbübischkeit ein wahrer angelsächsischer Gentleman. Auf lauter krummen und listigen Wegen schleicht er stets das Gute an, bringt die ausgerissene Tochter zurück, reinigt das Haus von Gespenstern, befreit den von den Erben an seine Krankheit genagelten alten Millionär, stiftet diskret Vergnügen und Erlösung.

Da Thornton Wilder hierzulande seit der "Brücke von San Luis Rey" und der "Kleinen Stadt" noch den Ruf genießt, ein metaphysischmoralischer Autor von erheblichem Gewicht zu sein, hat diese heiter hüpfende, nichts verknüpfende Erzählung bei manchen Kritikern Kopfschütteln hervorgerufen. Tatsächlich: psychologische Vertiefung findet nicht statt, von gesellschaftlicher Relevanz kann keine Rede sein. Selbst die Satire ist ein bißchen zärtlich. Man weiß, daß Wilder Mozart über alles geht; diese Suite ist ganz mozartisch – und der Held (Theophil) heißt wie (Amadeus) Mozart mit Vornamen: Gottlieb.

Das Neu-England, in dem seine Geschichte spielt, ist denn auch in Wahrheit ein Alt-England, von dem nur hie und da ein Schlag- oder Streiflicht auf die Gegenwart fällt, so wenn etwa der unermüdliche Vorleser Theophil mit seinem alten Millionär die Werke des Bischofs und kritischen Philosophen Berkeley liest und kurz vermerkt, daß nach ihm die kalifornische Universität benannt ist. Wie da der Weltgeist seine Sprünge macht, das auszurechnen überläßt er den Lesern, die wissen, was heute Berkeley bedeutet.