Von Peter Wapnewski

Ernst Jünger, der bald achtzigjährige, wird am kommenden Sonntag durch einen bedeutenden Literaturpreis geehrt, den Schiller-Gedächtnis-Preis. Anlaß genug für einen, der ihm – und wie denn nicht – immer ambivalent gegenüberstand, der jedoch in dieser Ambivalenz Gefühle des Respekts und der Achtung überwiegen fühlte, das Werk erneut zu betrachten. Dabei kann es nicht um den vermessenen Ansatz einer Gesamtdeutung gehen (sofern dergleichen bei diesem Schlangenhäuter überhaupt möglich ist) noch um die Einzelanalyse von Einzelarbeiten. Wohl aber bot sich ein Jüngersches Zentralthema zur Observation an, das durchgängig als Subjekt wie Objekt sein Werk bestimmt: Stil.

Jünger gilt in der Literatur über Jünger gemeinhin als Meister des gemeißelten, gestochenen, geschliffenen Wortes (die Attribute sind nicht zufällig). Gilt als Compositeur von Fügungen und Rhythmen in spröder Anmut. Als reich im Spenden karger, doch wie notwendig erscheinender Aussagen. Als Magier im Wortesetzen und als strenger Schürfer, der den Sand der Sprache auswäscht bis auf das Erz ihrer Substanz, das Gold ihres Wahrheitskerns.

Solcher. Kunst nachzugehen, um ihrer Kunstmittel habhaft zu werden, ist Aufgabe des tätigen Lesers, des Philologen-, des Literaturkritikers. Ich habe mir zu diesem Zweck die vor zehn Jahren abgeschlossene zehnbändige Gesamtausgabe. des Klett Verlags vorgenommen – eine der schönsten Editionen übrigens eines Gegenwartsautors. Wenn Siegfried Lenz angesichts ihrer von "einer bedachtsamen editorischen Leistung spricht" (1965), so ist die Formulierung bedachtsam gewählt. Zehn Jahre nämlich hat diese Arbeit den Autor, wie er in seinem Nachwort "Auf eigenen Spuren" vermerkt, "wenn auch nicht ausgefüllt, so doch in Anspruch genommen". Die Belastung erklärt sich aus der Fülle von Änderungen, die jedem Texte zuteil wurden (außer der ersten Fassung des "Abenteuerlichen Herzens" und dem ."Arbeiter") und die gelegentlich so weit gehen, daß hier nicht von korrigierten Texten, sondern von verschiedenen Fassungen gesprochen werden muß. "Doch kann an der Berechtigung des Autors, sein geistiges Eigentum zu verwalten, kein Zweifel sein."

So wenig andererseits Zweifel sein kann, setzen wir hinzu, an der Berechtigung des kritischen Lesers, frühere Stufen als jeweils gültig heranzuziehen und mit Zeugniswert zu belegen. Denn Jünger verweigert sich und uns, wie man weiß, mit sprödem Stolz den Selbstkommentar, und er verwirft kein früheres Werk. Er ändert lediglich – somit dann doch eine wenn auch verschlüsselte Eigeninterpretation liefernd. Das ist ein besonderes Thema (Ulrich Böhme hat es bearbeitet, 1972), das für unseren Zweck lediglich die einfache Entscheidung herausfordert, es mit einer Lesart genug sein zu lassen und also grundsätzlich die Ausgabe letzter Hand zu zitieren.

Ich habe also rund zweitausend Seiten Jünger wieder oder neu gelesen und mich dabei insbesondere auf die "Tagebücher", auf die "Essays" und die "Erzählenden Schriften" konzentriert. Die Auswahl ist anfechtbar, wie jede Auswahl. Jedoch ist sie – anders als manche Auswahl – begründbar.

Die "Tagebücher" aus dem Ersten Weltkrieg habe ich nicht berücksichtigt (also "In Stahlgewitern", "Das Wäldchen 125", "Feuer und Blut"); auch nicht "Betrachtungen" ähnlicher Art wie den "Kampf als inneres Erlebnis". Denn was soll man heute sagen zu Passagen wie den folgenden, die nicht mit Eifer ausgesucht, sondern die charakteristisch sind für diese Kriegsgesänge?