Ernst Jünger oder Der allzu hoch angesetzte Ton

Von Peter Wapnewski

Ernst Jünger, der bald achtzigjährige, wird am kommenden Sonntag durch einen bedeutenden Literaturpreis geehrt, den Schiller-Gedächtnis-Preis. Anlaß genug für einen, der ihm – und wie denn nicht – immer ambivalent gegenüberstand, der jedoch in dieser Ambivalenz Gefühle des Respekts und der Achtung überwiegen fühlte, das Werk erneut zu betrachten. Dabei kann es nicht um den vermessenen Ansatz einer Gesamtdeutung gehen (sofern dergleichen bei diesem Schlangenhäuter überhaupt möglich ist) noch um die Einzelanalyse von Einzelarbeiten. Wohl aber bot sich ein Jüngersches Zentralthema zur Observation an, das durchgängig als Subjekt wie Objekt sein Werk bestimmt: Stil.

Jünger gilt in der Literatur über Jünger gemeinhin als Meister des gemeißelten, gestochenen, geschliffenen Wortes (die Attribute sind nicht zufällig). Gilt als Compositeur von Fügungen und Rhythmen in spröder Anmut. Als reich im Spenden karger, doch wie notwendig erscheinender Aussagen. Als Magier im Wortesetzen und als strenger Schürfer, der den Sand der Sprache auswäscht bis auf das Erz ihrer Substanz, das Gold ihres Wahrheitskerns.

Solcher. Kunst nachzugehen, um ihrer Kunstmittel habhaft zu werden, ist Aufgabe des tätigen Lesers, des Philologen-, des Literaturkritikers. Ich habe mir zu diesem Zweck die vor zehn Jahren abgeschlossene zehnbändige Gesamtausgabe. des Klett Verlags vorgenommen – eine der schönsten Editionen übrigens eines Gegenwartsautors. Wenn Siegfried Lenz angesichts ihrer von "einer bedachtsamen editorischen Leistung spricht" (1965), so ist die Formulierung bedachtsam gewählt. Zehn Jahre nämlich hat diese Arbeit den Autor, wie er in seinem Nachwort "Auf eigenen Spuren" vermerkt, "wenn auch nicht ausgefüllt, so doch in Anspruch genommen". Die Belastung erklärt sich aus der Fülle von Änderungen, die jedem Texte zuteil wurden (außer der ersten Fassung des "Abenteuerlichen Herzens" und dem ."Arbeiter") und die gelegentlich so weit gehen, daß hier nicht von korrigierten Texten, sondern von verschiedenen Fassungen gesprochen werden muß. "Doch kann an der Berechtigung des Autors, sein geistiges Eigentum zu verwalten, kein Zweifel sein."

So wenig andererseits Zweifel sein kann, setzen wir hinzu, an der Berechtigung des kritischen Lesers, frühere Stufen als jeweils gültig heranzuziehen und mit Zeugniswert zu belegen. Denn Jünger verweigert sich und uns, wie man weiß, mit sprödem Stolz den Selbstkommentar, und er verwirft kein früheres Werk. Er ändert lediglich – somit dann doch eine wenn auch verschlüsselte Eigeninterpretation liefernd. Das ist ein besonderes Thema (Ulrich Böhme hat es bearbeitet, 1972), das für unseren Zweck lediglich die einfache Entscheidung herausfordert, es mit einer Lesart genug sein zu lassen und also grundsätzlich die Ausgabe letzter Hand zu zitieren.

Ich habe also rund zweitausend Seiten Jünger wieder oder neu gelesen und mich dabei insbesondere auf die "Tagebücher", auf die "Essays" und die "Erzählenden Schriften" konzentriert. Die Auswahl ist anfechtbar, wie jede Auswahl. Jedoch ist sie – anders als manche Auswahl – begründbar.

Die "Tagebücher" aus dem Ersten Weltkrieg habe ich nicht berücksichtigt (also "In Stahlgewitern", "Das Wäldchen 125", "Feuer und Blut"); auch nicht "Betrachtungen" ähnlicher Art wie den "Kampf als inneres Erlebnis". Denn was soll man heute sagen zu Passagen wie den folgenden, die nicht mit Eifer ausgesucht, sondern die charakteristisch sind für diese Kriegsgesänge?

Ernst Jünger oder Der allzu hoch angesetzte Ton

"Noch ist. der Aufmarsch geschlossen, noch trägt er die riesenhafte Kraft in sich. Doch bald wird er sich feurig entfalten, und dann wird sich offenbaren, ob wir der Erde würdig sind. Auf "rauchenden Feldern wird sie den Sieger empfangen, den Besten, den Kühnsten, den Würdigsten. Sie ist es, die den Kampfhaften liebt, und daher ist es auch sie, die uns als ein schlechtes Werkzeug verwerfen wird, wenn wir die große Probe nicht bestehen. Darum marschiert, ihr Regimenter, auf daß jedes einzelne Gewehr an seiner Stelle sei! Rollt vor, ihr Geschütze, auf daß ihr mit brüllendem Löwenrachen und mit Flammenzungen für uns Zeugnis gebt!" ("Feuer und Blut", zuerst 1925; 1/485).

Was also sollte man dazu sagen? Das ist Zeitdokument, nicht weniger, nicht mehr, und entzieht sich 1974 literarischen Maßstäben. Wie es sich dem Autor entzieht, wie es sich ihm weiterhin anheftet, das bleibt ungesagt. Wohl aber schien es mir angemessen, die Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg (und danach) zu mustern, dazu Essays und Betrachtungen, die gleichfalls dieser Phase angehören: der "Mitte des Lebens, wenn man es nicht mit der Elle, sondern auf der Waage mißt". So bucht es das Tagebuch zum fünfzigsten Geburtstag 1945 (III/404), und die Rechnung leuchtet ein. Solcher Mitte des Lebens mögen Konstanten zuzuschreiben und abzulesen sein, die den Grundlinien des Proteus entsprechen. Ferner ist die Tagebuchnotiz die Jünger eigentlich gemäße Form der Selbstäußerung und Selbstentäußerung. "Jedes Tagebuch gibt natürlich das Spiegelbild des Autors; doch darf es in dieser Hervorbringung nicht aufgehen" (III/239).

Diese Eintragung von 1944 liefert das Maß, dem sich auch Jünger selber anheimgeben muß. Denn Jüngers eminente Begabung der Observation und Registration opfert ein gut Teil ihrer Resultate der Blickverengung auf lediglich jene Perspektive, die durch die manische Ich-Besessenheit des Autors allein freigegeben wird. Die Beobachtungen, Aperçus, Gnomen und Aphorismen Jüngers büßen bei ihrem gesetzmäßigen Durchgang durch die Materie der Persönlichkeit eben jenes Quantum an Verbindlichkeit, jenes Maß an Wahrheit ein, das als Tribut an die Eigentümlichkeit des Verfassers abgezweigt wird. Diese Eigentümlichkeit aber wird sich auch und vor allem im Bereich des Stilistischen niederschlagen. Dies zumal bei einem Autor, der dem Dichter, der Sprache, der Prosa unvergleichlich hohen Rang zuweist: "Die Welt kann ohne Wissenschaften leben doch ohne Dichtung nie" ("Sgraffiti"). Das ist eine jener umkehrbaren Allerweltsbanalitäten, die sich bei Jünger auf merkwürdige Weise in eben dem Maße häufen, als er sich aller Welt und ihren Banalitäten enthoben weiß.

Jüngers Stil, der vielgerühmte kristallene, zeichnet sich oft aus durch jene Unklarheit, die den mystisch-irrationalen Neigungen seines Autors entspricht; zeichnet sich aus durch Unsicherheit im Bereich des Geschmacks; zeichnet sich aus durch eben jene Zwanghaftigkeit, die dem nimmermüden Verehrer, ja Anbeter der desinvoltura beim Ringen um die noble Lässigkeit angeborener Gelassenheit die Feder knirschend führt. Der Versuch, sich der Präzision technischer Chiffren anzunähern, beraubt die Sprache des präzisen Aussageinstruments der Musikalität. Denn Jünger hat kein Verhältnis zur Musik; und seines zur bildenden Kunst wird allemal erst dann lebhaft, wenn er Malern begegnet, die über die Theorie ihres Tuns nachdenken – was er für ein malerisches Qualitätsmerkmal hält: dabei offensichtlich die große Mehrzahl aller Malersprüche in den Wind schlagend, die von der hilflos nach Artikulation ringenden Verfassung des Malerhirns in stummer Beredsamkeit zeugen.

Das, was sich technisch fassen läßt als sachlich unstimmig, als verfehlt in Bildwahl und Logik, als verschwommen und unverbindlich bis zur simplen Umkehrbarkeit, als schmerzhafter Verstoß gegen die Gesetze des Maßes und der Angemessenheit (also des Geschmacks), muß natürlich zurückgeführt werden auf Eigentümlichkeiten des Autors, die seiner Substanz innewohnen. Denn seit Buffon (dem immer wieder falsch zitierten) gilt das "le style c’est de l’homme même", und Jünger sagt es immer wieder variierend auf seine Weise. Am umfassendsten (vom Schreiben ausgehend) wohl im Nachwort von 1964: "Der Stil eines Menschen (...) – das reicht tief in die Gründe, ist Ausdruck des ihm auferlegten Schicksals und seiner Prägung" (X/409). Hier weiterzugründeln, kommt der Literaturkritik nicht zu. Allemal aber handelt es sich um den Fall einer Persönlichkeitsverengung, die sich im Bewußtsein ihrer Reduktion mit um so fanatischerem Eifer auf die austastende Musterung der Kernsubstanz konzentriert, auf solche Weise zu maßloser Innenschau, zu rauschhaftem Autismus getrieben. Eben die hypertrophen Eigentümlichkeiten, etwa die des legendären Kriegshelden und seiner nahezu somnambul gelenkten Tapferkeit, die defizienten Zonen im Bereich des Musischen, im Bereich der désinvolture – sie nötigen zu Kompensationsakten von imponierender und zwanghafter. Einseitigkeit. Der oft wie dehydriert wirkenden Materie ist eigen, daß sie fehlenden Besitz um so intensiver von außen heranzieht: Adelsprädikate und der Prunk großer Titel legen sich wie Schleppen, um die gebuchten Namen; edle Metalle, erlesene Hölzer, kostbare Stoffe dekorieren den Auftritt dessen, den es in seiner hergebrachten Kulisse fröstelt. Es gehört zum Wesen der Elite, sich ohne Inszenierung darzustellen; gehört zu den Obligationen der Noblesse, sich nicht vorzuführen: "Die Schilderung des Schönen setzt Maß, Entfernung und scharfen Blick voraus" (10. April 1939) – das wird man ohne Gewaltsamkeit als konstitutiv auch für die Schilderung des Furchtbaren, Häßlichen und Bösen gelten lassen, und an Forderungen solcher Schärfe wird man auch messen müssen, der sie formuliert.

Letztlich wird diese stilistisch sich als Unsicherheit manifestierende Defizienz, wird dieser Mangel an Instrumentation offenbar im Fehlen allen Humors. Humor als Existenzcharakter hat ja nichts zu tun mit dem albernen "wenn man trotzdem lacht" (das leicht als Bestialität sich erweisen kann) noch mit Schnurren in kopfsteingepflasterten Gassen, darüber gutmütige Sterne; nichts mit jener Form der "provinziellen Ironie", über die Jünger sich zu Recht anläßlich Raabes mokiert (10. Dezember 1942); sondern ist eine Daseinsform. Jünger ist ihr fern. Und es scheint, als nötige ihn das Bewußtsein solchen Mangels zu seiner Kritik an dem Erzähler Fontane, dem er Fülle als Schwäche ankreidet, da er sie bei Musterung des eigenen Bestandes als fehlend buchen müßte: "Bei der Lektüre kam mir wieder der Gedanke, daß eine starke Erzählerkraft den Autor leicht schädigt, da in ihrem schnellen Strome das feine Geistesplankton nicht gedeiht, Der Grund liegt darin, daß das erzählende Talent ursprünglich zur rhetorischen Begabung zählt und damit der Feder nicht konform ist – es zieht sie zu schnell dahin" (15. November 1942). Das sagt mehr aus über den Leser als über seine Lektüre,

Ich habe eine Reihe von Behauptungen aufgestellt über Jünger als Stilisten. Für sie habe ich Belege zu liefern.

Ernst Jünger oder Der allzu hoch angesetzte Ton

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Ich-Verhaftung ist eine spezifische Voraussetzung der künstlerischen Kreativität. Der sein Ich auslöschende Autor degeneriert zum bloßen Registrator.

Die sterile Form der Ich-Verhaftung ist die Wendung zur eigenen Körperlichkeit in Form der Hypochondrie. Einige Beispiele von vielen (sämtlich den "Strahlungen" I oder II entnommen): Schlaflosigkeit führt den Hauptmann Jünger am 13. Oktober 1942 in Paris zum Oberstabsarzt. Der weist ihn ins Lazarett ein. Dort liest er Jesaja, Lichtenberg, Schopenhauer; Freundinnen bringen ihm Zinnien, eine violette Cattleya; die Nächte bleiben unruhig und bedrückend, allein: "Morgens recht abgespannt, doch geistig mächtig." Wie ermißt sich diese Mächtigkeit? Der Autor "nahm das an der Wölbung wahr, mit der sich die grünen und gelben Bäume in den Gärten den Augen darboten". Nach acht Tagen entlassen die ratlosen Ärzte den Patienten, Diagnose: "Magenkatarrh." Konsequent sucht der durch solche Gesunderklärung Versehrte jetzt einen zivilen Arzt auf: einen Franzosen, "der mir durch Zuspruch sehr nützlich war".

Das ist als Bericht so absurd, weil es sich abspielt unmittelbar vor der Abkommandierung Jüngers aus den Köstlichkeiten von Paris an die Ostfront. Natürlich weigert sich der Soldat, sich solchem Kommando zu widersetzen (das übrigens seinem Schutze zugedacht war). Natürlich sträubt sich der Körper, ganz Zivilist, sich solchem Kommando zu fügen. Der Registrator aber registriert, er diagnostiziert nicht, bleibt ahnungslos.

Der komische und, da nicht gewollt, stilwidrige Effekt rührt in Fällen wie diesen von der Disproportion her. Weltkriege entflammen, Welten gehen zugrunde, der Beobachter ist sich dessen nicht im ungewissen – jedoch: "Beim Abmarsch Magenschmerzen, die sich dann besserten", und vier Monate später, nach wie vor an der (damals schlummernden) Westfront, war es "ein Katarrh, der mich plagte; ich führe daher Emser Pastillen mit" (15. Mai 1940). Häufig auch "plagt" den Chronisten "eine leichte Migräne". So notiert am 6. März 1943; und es ist schon staunenswert, wie diese leichte Indisposition nicht nur inventarisiert, sondern unbefangen mit dem Befinden des Großen und Allgemeinen in Zusammenhang gebracht wird: Denn es erfüllt ihn der Jahresanfang dennoch "zugleich mit starker Zuversicht auf eine Wendung zum Besseren. Daß letzten Endes alles gut wird, vergessen wir in Zeiten der Schwäche, der Melancholie". Das ist eine ebenso wahre wie fragwürdige und triviale Behauptung. Wahr ist der melancholiebedingte Pessimismus, fragwürdig die Erfahrung, daß alles "letzten Endes" gut wird, und trivial die ganze Notiz.

Notifizierte Sorge im besetzten Paris bereitet auch das Gewicht: "Gewogen und gefunden, daß ich sehr abgemagert bin." Trost: "Jedoch am Bild der Bäume maß ich heut morgen mein geistiges Gewicht." Wieder stimmt da etwas nicht. Wer sich auf die Waage stellt, konstatiert allenfalls, daß er abgenommen habe. Korrekt nimmt sich das Verbum aus unter dem 5. September 1943: "Wieder schwache Gesundheit, auch magere ich sichtlich ab."

Haarspaltereien? Stil setzt ein beim Haarespalten, und niemand sinniert nachhaltiger über Nuancen und Nuancen von Nuancen als der Tagebuchschreiber Jünger.

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Den bald Achtzigjährigen mag die Sorge um die Gesundheit des damals noch nicht Fünfzigjährigen wunderlich anmuten. Wie aber mögen ihn seine damaligen Spekulationen um die Laute berühren? Vom "Lob der Vokale" (1934) und seiner Sprachkabbala sei hier geschwiegen – vor allem, weil diese dilettierenden Absurditäten anzuprangern allzu billig wäre. Was aber zehn Jahre später im Kriege sich an Sprachmystik andrängt, ist wiederum durch die Einbettung in seinen Kontext nicht ohne absurde, ja komische Funktion. Eben die von Jünger nicht hoch geachtete Sprachwissenschaft hat jene semantische Qualität des Wortes zu erfassen gelehrt, die bei subtiler Jagd auf der Strecke bleibt, das heißt eben nicht erfaßt, sondern einer eigentümlichen Zuerkennung absoluter sprachlich-lautlicher Sinnhaftigkeit preisgegeben wird: "Im Halbschlaf drang ich innig in den Geist der Sprache ein – besonders deutlich wurden mir die Konsonantengruppen m–n, m–s, m–j, in denen das Hohe, Männliche und Meisterhafte zum Ausdruck kommt" (27. Juni 1941). Nun denn: Minne, Mein-(eid), Mus und Muse, Mai...: es muß gesagt sein, auch wenn die Widerlegung so leicht ist. Am 4. Januar 1942 notiert Jünger: "Mir fiel der Euphon des ,ei‘ in ‚bleiben‘ auf, wie er übrigens auch durch andere Vokale in manere, manoir zum Ausdruck kommt." Frage: Ist "ei" ein Euphon? Wenn ja, wie kann er in gleichbedeutenden Wörtern zum Ausdruck kommen durch einen anderen Vokal? Und welcher Vokal ist – übernationalsprachlich – kein Euphon? "In diesem Sinne muß die Sprache neu entdeckt werden", heißt es weiter. Die Antwort sei ein euphonisches Nein.

Karnevaleske Züge gewinnen die Spekulationen schließlich, wenn sie (29. Juni 1943) fragen: "Vokale: Pokale? Der Vokal wird durch den Konsonanten gefaßt; er faßt das Unaussprechliche. So faßt die Frucht den Kern und dieser wiederum den Keim." Der Gipfel des aussprechbar Unaussprechlichen findet sich unter dem 23. Mai 1943: "Atome + Hamannsches H =

Athome = At home." Hier beginnt, was nicht einmal mehr des Widerspruchs wert ist. Zum Abschluß dieser Beobachtungen eignet sich ein anderes Jünger-Zitat: "Jeder Fehler hat auch seine Vorzüge und umgekehrt" ("Gläserne Bienen", IX/407).

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Jünger ist verführbar wie wenige Schreibende durch die Suggestivkraft eines Bildes. Bilder, die auf den ersten Blick bestechen, erweisen sich beim zweiten Zusehen als beliebig, also unbrauchbar. Es geht, am 15. Januar 1940, um Gesang auf dem Marsch – "was den Leuten und mir selber gut bekommt. Alle rhythmischen Dinge sind Waffen gegen die Zeit, und gegen sie im Grunde kämpfen wir. Der Mensch kämpft immer gegen die Macht der Zeit". Er kämpft auch gegen anderes, und mancher kämpft gar nicht – aber darum soll es nicht gehen, sondern um die "rhythmischen Dinge": Ebensowohl kann man sagen, daß sie, als hörbar gemachte Zeit, nicht gegen sie sind, sondern für sie, als Begleiter, Bewußtmacher. Es kommt, um es mit Jüngerscher Großzügigkeit zu formulieren, auf die Art der Zeit an.

Licht "webt", Menschen "weben", Blankenburg ist "eine der Perlen der Harzstädte" und Freiburg doch wahrhaftig "eine Perle unter den Städten": Das klingt wie das Werbedeutsch eines Reisebüros und bekundet allenfalls Furchtlosigkeit gegenüber dem Klischee.

Ernst Jünger oder Der allzu hoch angesetzte Ton

Eine alte Frau bricht auf der Straße zusammen, fällt aufs Gesicht, erholt sich bald wieder. Vergleich: "So tauchen Schwimmer bei hohem Seegang für einen Augenblick ins Wasser ein" (20. September 1939). Nein, denn der Schwimmer, tauchend, bleibt in seinem Element und verhält sich ihm gemäß. Die alte Frau war ausgebrochen, für den Augenblick herausgeglitten aus ihrem Element.

Unter dem 5. Mai 1943: "Zum Stil. Die Anwendung des Substantivums ist auf alle Fälle stärker als die der Verbalformen. ‚Sie setzten sich zum Essen‘ ist schwächer als: ‚Sie setzten sich zu Tisch‘ oder: ‚Sie setzten sich zum Mahl‘. ‚Er bereut das Getane‘ ist schwächer als ‚Er bereut die Tat‘. Das ist der Unterschied zwischen Bewegung und Substanz."

Wieder wird die Sprache anthropomorph behandelt. Es geht hier nicht um "stärker" oder "schwächer", sondern jede der Aussagen trifft einen anderen Sachverhalt, "das Getane" ist summarisch-allgemein, "die Tat" konkrete Einheit; und es kommt lediglich darauf an, ob "er" das eine zu bereuen hat oder das andere. Eingangs der zweiten Fassung des "Abenteuerlichen Herzens" heißt es von den früheren Aufzeichnungen: "Wie ich höre, finden sie seit langem mit erstaunlicher Regelmäßigkeit ihre fünfzehn Leser im Vierteljahr. Ein solcher Zuspruch erinnert an gewisse Blumen wie an Silene noctiflora, deren während einer einzigen Nachtstunde geöffnete Kelche eine winzige Gesellschaft beflügelter Gäste umkreist" (VII/180–81). Wieder lockt Expertenwissen in die Falle des irrigen Bildes. Während die Pointe der Blüte darin besteht, daß sie nur für einen einzigen Augenblick geöffnet ist, handelt es sich bei dem Buch eben darum, daß es lediglich eine kleine Schar anzieht, obwohl es permanent "geöffnet", vorhanden und bereit ist.

Der Unsicherheit in der Anwendung von Bildern und Formeln entspricht die unheilvolle Neigung zum allzu hoch angesetzten Ton. Narzißhaft und preziös behängt die Sprache sich mit gravitätischem Zierat und kredenzt mit Imponiergebärde erlesene Nichtigkeiten. Im besetzten Paris vergehen so die Tage, die Monate, man speist im "Ritz", nimmt seinen Tee, tauscht Gedanken über Kunst und Künstler, schmeichelt die Namen von Fürstinnen und Grafen, von großen Schriftstellern und Malern wie einen Hermelin um den Schreibschaft, tut Antiquitäten auf und seltene Bücher. Man denkt nicht nach, man sinnt; Besucher sind nicht einfach da, sie weilen; sie essen nicht, sondern speisen; sie geben nicht, sondern spenden; man besucht nicht, sondern spricht vor; man frühstückt nicht "wie gewohnt", sondern man pflegt zu frühstücken – oder "in der Sonne eine Tasse Tee zu trinken und einige hauchdünne Sandwiches zu verzehren, beinahe Oblaten, die der Erinnerung vergangenen Uberflusses gewidmet sind". Das ist 1941, Paris ist noch voll des Überflusses, und die Sandwiches (vermutlich) wollten hauchdünn sein, weil sie hauchdünn besser sind. "So treibt man auf bekränzten Schiffen dem Abgrund zu" – ein allzu kulinarisches Bild vom Ende, und dem Abgrund des Kitsches zutreibend. So berührt es erholsam, wenn inmitten von Marmorstirn und Brunnenrand, von Frühstück im "Ritz" und Tee beim Oberbefehlshaber, wenn es inmitten der Lektüre des Alten Testaments plötzlich tegtmeiert: "Der Schwager Kurt klagt brieflich, daß Nase und Ohren ihm am Erfrieren sind" (25. Januar 1942).

Daß der Stil "eben im tiefsten Grunde auf Gerechtigkeit" ruhe, ist eine anspruchsvolle und eindrucksvolle Feststellung (17. Februar 1942). Daß es Verstöße gegen diese Art von Gerechtigkeit sind, die Jünger daran hindern, die von ihm erstrebte "Macht und Leichtigkeit" in der Prosa zu erreichen, mag sich ihm gelegentlich angedeutet haben: Im ersten der "Drei guten Vorsätze" zu Neujahr 1943 heißt es sehr hellsichtig: "Fast alle Schwierigkeiten in meinem Leben beruhten auf Verstößen gegen das Maß." Auch die Schwierigkeiten der Sprache sind derartige Maßverstöße, auch die Anlehnung ans Klischee ist Mangel an Maß.

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Verstöße gegen das Maß: sie finden sich immer wieder in Jüngers Werk, auch im Spätwerk. Die Jugendstilballade in Edda-Nebeln "Besuch auf Godenholm" (1952) lebt von solchen Ungemäßheiten (das heißt, sie lebt eben nicht): "Die Stunden am Meere hatten etwas Stiftendes" (IX/342). Und konstant scheint jenes archaische Männer-Ideal das ganze Werk zu durchdringen, das etwa in den "Gläsernen Bienen" sich verkündigt: "Was sie in ihrer Jugend getrieben hatten und was seit Tausenden von Jahren des Mannes Amt, Lust und Freude gewesen war: ein Pferd zu reiten, des Morgens hinter dem Stier das dampfende Feld zu pflügen, im glühenden Sommer das gelbe Korn zu schneiden, während Ströme von Schweiß an der gebräunten Brust herunterrieseln und die Binderinnen kaum Schritt halten können, das Mahl im Schatten der grünen Bäume – alles, was das Gedicht seit uralten Zeiten gepriesen hat, es sollte nun nicht mehr sein. Die Lust war dahin" (IX/425). Es klingt wie aus einem Katalog zu den einstmals im "Haus der Deutschen Kunst" ausgestellten, derzeit in Frankfurt neu zu betrachtenden Bildern.

Ernst Jünger oder Der allzu hoch angesetzte Ton

Archaische Mannes-Ideologie. Jäger, Waldläufer, Grabenkämpfer – ihnen ist als Geisteshaltung gemäß, was die Frau entbehren muß, Ironie etwa.

"Die Ironie ist Männersache, wie das Schachspiel oder die Philosophie. Sie ist zudem eine Sache von Junggesellen oder solchen, die als Junggesellen leben, und wie ein Wein, der im Alter an Säure gewinnt, ja Essig wird. Den Frauen steht sie nicht zu und nicht an. Sie haben andere Mittel und sind um so stärker, je mehr sie die Macht auf das Geschlecht gründen. Die Macht der Ironie liegt im Geist. Sie geht auf Kosten des Eros, und die beiden sind in kein Bett zu zwingen oder höchstens in ein sehr künstliches" ("Sgraffiti", VII/366). Vielleicht sprach man 1960 noch nicht von rollenspezifischem Verhalten, aber man wußte in aufgeklärten Kreisen schon lange vor 1960, daß die schlichte Aufteilung der Menschheit in Geist und Schoß lediglich der einen Hälfte eben dieser Menschheit zum Genuß gereicht – aus welchem Grunde sie diesen Zustand gern als einen natur- oder gottgegebenen auslegt. Verstoß gegen das Maß.

Es empfiehlt sich, bei solcher Gelegenheit die sparsamen Äußerungen des Tagebuchschreibers über Frauen genauer zu betrachten. Über manche, die ihm näher, ja nahe gestanden haben mag, äußert er sich mit verständlicher und zu respektierender Kargheit, Namen verschlüsselnd, Beziehungen lediglich andeutend. Dann aber bricht wohl auch eine Lust an landsknechthafter Rede hervor, Kasino-Erotik verbreitend.

Unter dem 10. Februar 1940 findet sich folgende Geschmacklosigkeit: "Zur erotischen Fortifikationslehre: vor allem vermeide jene vertrackte Art von Vesten, bei denen die Außenforts gleich unter dem ersten Angriff fallen, die Zitadelle aber unüberwindlich bleibt." Da lacht der Landsknecht, und die Dirne kichert.

Am 1. Mai 1941 notiert Jünger, daß er mit der Französin Renée ins Kino geht, nein, "ins Lichtspiel; ich berührte dort ihre Brust. Ein heißer Eisberg, ein Hügel im Frühling, in den Myriaden von Lebenskeimen, etwa von heißen Anemonen, eingebettet sind." Der Vorgang selber beschäftige uns nicht, wohl aber seine Schilderung, deren monströse Unangemessenheit wiederum die latente Unsicherheit gegenüber der Frau ausdrückt. Schon die Ortsangabe "dort" ist auf absurde Weise komisch. Dann aber liest sich die berührte Brust doch wirklich, als preise die baute cuisine die Meisterkreationen ihres Kochs auf der Dessertkarte an.

Wenn hier nicht eigens die Rede ist von der Ästhetik des Furchtbaren, von Jüngers Neigung, existentielle Grenzzonen übergehen zu lassen in Zonen ästhetischer Qualität, so nicht so sehr des hohen Bekanntheitsgrades halber, den diese Partien in der allmählich unübersehbar gewordenen Jünger-Literatur einnehmen. Vielmehr hat diese Untersuchung sich wesentlich auf die Unangemessenheiten im Stilgebrauch Jüngers konzentriert und von ungewollten Verstößen gegen das Maß kann nun nicht die Rede sein, wenn Jünger etwa von einem "Schönheitsfehler" redet, der darin besteht, daß im Augenblick der alliierten Landung in der Normandie der Oberbefehlshaber Rommel den Geburtstag seiner Frau in Deutschland feiert (6. Juni 1944). Die kontrastive Kombination von Flammentod und Flammenzauber; von fallenden Bomben und subtiler Jagd; von Hunger und Folter hier, Teerosen und Schachspiel da ist ein Kunstmittel, das man als barbarisch empfinden darf, das aber als solches bewußt Haltung ausdrückt: die der elitären Distanz, ja Arroganz innerhalb des durchaus nicht ignorierten Ganzen – Leben im Dotter des Leviathan, um es mit einem von Jüngers Lieblingsbildern zu sagen. Nachbarschaft von Rausch und Tod, Eros und Thanatos, Genuß und Untergang: das klingt fernher von Nietzsche und Spengler und ist vieux jeu, aber wie immer man es sehen mag, es ist nicht ohne Artistik aufbereitet. Bis hin zu der an Sadismus grenzenden berühmten Stelle zum 27. Mai 1944: "Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des ‚Raphael‘ sah ich zweimal in Richtung von Saint Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweitenmal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und erhöhte Macht."

Hohe Feier der feinen Köpfe. Homer, Nero und Oscar Wilde füllten ihm das Glas, und welch ein Künstler stirbt in ihnen allen.