"Noch ist. der Aufmarsch geschlossen, noch trägt er die riesenhafte Kraft in sich. Doch bald wird er sich feurig entfalten, und dann wird sich offenbaren, ob wir der Erde würdig sind. Auf "rauchenden Feldern wird sie den Sieger empfangen, den Besten, den Kühnsten, den Würdigsten. Sie ist es, die den Kampfhaften liebt, und daher ist es auch sie, die uns als ein schlechtes Werkzeug verwerfen wird, wenn wir die große Probe nicht bestehen. Darum marschiert, ihr Regimenter, auf daß jedes einzelne Gewehr an seiner Stelle sei! Rollt vor, ihr Geschütze, auf daß ihr mit brüllendem Löwenrachen und mit Flammenzungen für uns Zeugnis gebt!" ("Feuer und Blut", zuerst 1925; 1/485).

Was also sollte man dazu sagen? Das ist Zeitdokument, nicht weniger, nicht mehr, und entzieht sich 1974 literarischen Maßstäben. Wie es sich dem Autor entzieht, wie es sich ihm weiterhin anheftet, das bleibt ungesagt. Wohl aber schien es mir angemessen, die Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg (und danach) zu mustern, dazu Essays und Betrachtungen, die gleichfalls dieser Phase angehören: der "Mitte des Lebens, wenn man es nicht mit der Elle, sondern auf der Waage mißt". So bucht es das Tagebuch zum fünfzigsten Geburtstag 1945 (III/404), und die Rechnung leuchtet ein. Solcher Mitte des Lebens mögen Konstanten zuzuschreiben und abzulesen sein, die den Grundlinien des Proteus entsprechen. Ferner ist die Tagebuchnotiz die Jünger eigentlich gemäße Form der Selbstäußerung und Selbstentäußerung. "Jedes Tagebuch gibt natürlich das Spiegelbild des Autors; doch darf es in dieser Hervorbringung nicht aufgehen" (III/239).

Diese Eintragung von 1944 liefert das Maß, dem sich auch Jünger selber anheimgeben muß. Denn Jüngers eminente Begabung der Observation und Registration opfert ein gut Teil ihrer Resultate der Blickverengung auf lediglich jene Perspektive, die durch die manische Ich-Besessenheit des Autors allein freigegeben wird. Die Beobachtungen, Aperçus, Gnomen und Aphorismen Jüngers büßen bei ihrem gesetzmäßigen Durchgang durch die Materie der Persönlichkeit eben jenes Quantum an Verbindlichkeit, jenes Maß an Wahrheit ein, das als Tribut an die Eigentümlichkeit des Verfassers abgezweigt wird. Diese Eigentümlichkeit aber wird sich auch und vor allem im Bereich des Stilistischen niederschlagen. Dies zumal bei einem Autor, der dem Dichter, der Sprache, der Prosa unvergleichlich hohen Rang zuweist: "Die Welt kann ohne Wissenschaften leben doch ohne Dichtung nie" ("Sgraffiti"). Das ist eine jener umkehrbaren Allerweltsbanalitäten, die sich bei Jünger auf merkwürdige Weise in eben dem Maße häufen, als er sich aller Welt und ihren Banalitäten enthoben weiß.

Jüngers Stil, der vielgerühmte kristallene, zeichnet sich oft aus durch jene Unklarheit, die den mystisch-irrationalen Neigungen seines Autors entspricht; zeichnet sich aus durch Unsicherheit im Bereich des Geschmacks; zeichnet sich aus durch eben jene Zwanghaftigkeit, die dem nimmermüden Verehrer, ja Anbeter der desinvoltura beim Ringen um die noble Lässigkeit angeborener Gelassenheit die Feder knirschend führt. Der Versuch, sich der Präzision technischer Chiffren anzunähern, beraubt die Sprache des präzisen Aussageinstruments der Musikalität. Denn Jünger hat kein Verhältnis zur Musik; und seines zur bildenden Kunst wird allemal erst dann lebhaft, wenn er Malern begegnet, die über die Theorie ihres Tuns nachdenken – was er für ein malerisches Qualitätsmerkmal hält: dabei offensichtlich die große Mehrzahl aller Malersprüche in den Wind schlagend, die von der hilflos nach Artikulation ringenden Verfassung des Malerhirns in stummer Beredsamkeit zeugen.

Das, was sich technisch fassen läßt als sachlich unstimmig, als verfehlt in Bildwahl und Logik, als verschwommen und unverbindlich bis zur simplen Umkehrbarkeit, als schmerzhafter Verstoß gegen die Gesetze des Maßes und der Angemessenheit (also des Geschmacks), muß natürlich zurückgeführt werden auf Eigentümlichkeiten des Autors, die seiner Substanz innewohnen. Denn seit Buffon (dem immer wieder falsch zitierten) gilt das "le style c’est de l’homme même", und Jünger sagt es immer wieder variierend auf seine Weise. Am umfassendsten (vom Schreiben ausgehend) wohl im Nachwort von 1964: "Der Stil eines Menschen (...) – das reicht tief in die Gründe, ist Ausdruck des ihm auferlegten Schicksals und seiner Prägung" (X/409). Hier weiterzugründeln, kommt der Literaturkritik nicht zu. Allemal aber handelt es sich um den Fall einer Persönlichkeitsverengung, die sich im Bewußtsein ihrer Reduktion mit um so fanatischerem Eifer auf die austastende Musterung der Kernsubstanz konzentriert, auf solche Weise zu maßloser Innenschau, zu rauschhaftem Autismus getrieben. Eben die hypertrophen Eigentümlichkeiten, etwa die des legendären Kriegshelden und seiner nahezu somnambul gelenkten Tapferkeit, die defizienten Zonen im Bereich des Musischen, im Bereich der désinvolture – sie nötigen zu Kompensationsakten von imponierender und zwanghafter. Einseitigkeit. Der oft wie dehydriert wirkenden Materie ist eigen, daß sie fehlenden Besitz um so intensiver von außen heranzieht: Adelsprädikate und der Prunk großer Titel legen sich wie Schleppen, um die gebuchten Namen; edle Metalle, erlesene Hölzer, kostbare Stoffe dekorieren den Auftritt dessen, den es in seiner hergebrachten Kulisse fröstelt. Es gehört zum Wesen der Elite, sich ohne Inszenierung darzustellen; gehört zu den Obligationen der Noblesse, sich nicht vorzuführen: "Die Schilderung des Schönen setzt Maß, Entfernung und scharfen Blick voraus" (10. April 1939) – das wird man ohne Gewaltsamkeit als konstitutiv auch für die Schilderung des Furchtbaren, Häßlichen und Bösen gelten lassen, und an Forderungen solcher Schärfe wird man auch messen müssen, der sie formuliert.

Letztlich wird diese stilistisch sich als Unsicherheit manifestierende Defizienz, wird dieser Mangel an Instrumentation offenbar im Fehlen allen Humors. Humor als Existenzcharakter hat ja nichts zu tun mit dem albernen "wenn man trotzdem lacht" (das leicht als Bestialität sich erweisen kann) noch mit Schnurren in kopfsteingepflasterten Gassen, darüber gutmütige Sterne; nichts mit jener Form der "provinziellen Ironie", über die Jünger sich zu Recht anläßlich Raabes mokiert (10. Dezember 1942); sondern ist eine Daseinsform. Jünger ist ihr fern. Und es scheint, als nötige ihn das Bewußtsein solchen Mangels zu seiner Kritik an dem Erzähler Fontane, dem er Fülle als Schwäche ankreidet, da er sie bei Musterung des eigenen Bestandes als fehlend buchen müßte: "Bei der Lektüre kam mir wieder der Gedanke, daß eine starke Erzählerkraft den Autor leicht schädigt, da in ihrem schnellen Strome das feine Geistesplankton nicht gedeiht, Der Grund liegt darin, daß das erzählende Talent ursprünglich zur rhetorischen Begabung zählt und damit der Feder nicht konform ist – es zieht sie zu schnell dahin" (15. November 1942). Das sagt mehr aus über den Leser als über seine Lektüre,

Ich habe eine Reihe von Behauptungen aufgestellt über Jünger als Stilisten. Für sie habe ich Belege zu liefern.