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Ich-Verhaftung ist eine spezifische Voraussetzung der künstlerischen Kreativität. Der sein Ich auslöschende Autor degeneriert zum bloßen Registrator.

Die sterile Form der Ich-Verhaftung ist die Wendung zur eigenen Körperlichkeit in Form der Hypochondrie. Einige Beispiele von vielen (sämtlich den "Strahlungen" I oder II entnommen): Schlaflosigkeit führt den Hauptmann Jünger am 13. Oktober 1942 in Paris zum Oberstabsarzt. Der weist ihn ins Lazarett ein. Dort liest er Jesaja, Lichtenberg, Schopenhauer; Freundinnen bringen ihm Zinnien, eine violette Cattleya; die Nächte bleiben unruhig und bedrückend, allein: "Morgens recht abgespannt, doch geistig mächtig." Wie ermißt sich diese Mächtigkeit? Der Autor "nahm das an der Wölbung wahr, mit der sich die grünen und gelben Bäume in den Gärten den Augen darboten". Nach acht Tagen entlassen die ratlosen Ärzte den Patienten, Diagnose: "Magenkatarrh." Konsequent sucht der durch solche Gesunderklärung Versehrte jetzt einen zivilen Arzt auf: einen Franzosen, "der mir durch Zuspruch sehr nützlich war".

Das ist als Bericht so absurd, weil es sich abspielt unmittelbar vor der Abkommandierung Jüngers aus den Köstlichkeiten von Paris an die Ostfront. Natürlich weigert sich der Soldat, sich solchem Kommando zu widersetzen (das übrigens seinem Schutze zugedacht war). Natürlich sträubt sich der Körper, ganz Zivilist, sich solchem Kommando zu fügen. Der Registrator aber registriert, er diagnostiziert nicht, bleibt ahnungslos.

Der komische und, da nicht gewollt, stilwidrige Effekt rührt in Fällen wie diesen von der Disproportion her. Weltkriege entflammen, Welten gehen zugrunde, der Beobachter ist sich dessen nicht im ungewissen – jedoch: "Beim Abmarsch Magenschmerzen, die sich dann besserten", und vier Monate später, nach wie vor an der (damals schlummernden) Westfront, war es "ein Katarrh, der mich plagte; ich führe daher Emser Pastillen mit" (15. Mai 1940). Häufig auch "plagt" den Chronisten "eine leichte Migräne". So notiert am 6. März 1943; und es ist schon staunenswert, wie diese leichte Indisposition nicht nur inventarisiert, sondern unbefangen mit dem Befinden des Großen und Allgemeinen in Zusammenhang gebracht wird: Denn es erfüllt ihn der Jahresanfang dennoch "zugleich mit starker Zuversicht auf eine Wendung zum Besseren. Daß letzten Endes alles gut wird, vergessen wir in Zeiten der Schwäche, der Melancholie". Das ist eine ebenso wahre wie fragwürdige und triviale Behauptung. Wahr ist der melancholiebedingte Pessimismus, fragwürdig die Erfahrung, daß alles "letzten Endes" gut wird, und trivial die ganze Notiz.

Notifizierte Sorge im besetzten Paris bereitet auch das Gewicht: "Gewogen und gefunden, daß ich sehr abgemagert bin." Trost: "Jedoch am Bild der Bäume maß ich heut morgen mein geistiges Gewicht." Wieder stimmt da etwas nicht. Wer sich auf die Waage stellt, konstatiert allenfalls, daß er abgenommen habe. Korrekt nimmt sich das Verbum aus unter dem 5. September 1943: "Wieder schwache Gesundheit, auch magere ich sichtlich ab."

Haarspaltereien? Stil setzt ein beim Haarespalten, und niemand sinniert nachhaltiger über Nuancen und Nuancen von Nuancen als der Tagebuchschreiber Jünger.