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Den bald Achtzigjährigen mag die Sorge um die Gesundheit des damals noch nicht Fünfzigjährigen wunderlich anmuten. Wie aber mögen ihn seine damaligen Spekulationen um die Laute berühren? Vom "Lob der Vokale" (1934) und seiner Sprachkabbala sei hier geschwiegen – vor allem, weil diese dilettierenden Absurditäten anzuprangern allzu billig wäre. Was aber zehn Jahre später im Kriege sich an Sprachmystik andrängt, ist wiederum durch die Einbettung in seinen Kontext nicht ohne absurde, ja komische Funktion. Eben die von Jünger nicht hoch geachtete Sprachwissenschaft hat jene semantische Qualität des Wortes zu erfassen gelehrt, die bei subtiler Jagd auf der Strecke bleibt, das heißt eben nicht erfaßt, sondern einer eigentümlichen Zuerkennung absoluter sprachlich-lautlicher Sinnhaftigkeit preisgegeben wird: "Im Halbschlaf drang ich innig in den Geist der Sprache ein – besonders deutlich wurden mir die Konsonantengruppen m–n, m–s, m–j, in denen das Hohe, Männliche und Meisterhafte zum Ausdruck kommt" (27. Juni 1941). Nun denn: Minne, Mein-(eid), Mus und Muse, Mai...: es muß gesagt sein, auch wenn die Widerlegung so leicht ist. Am 4. Januar 1942 notiert Jünger: "Mir fiel der Euphon des ,ei‘ in ‚bleiben‘ auf, wie er übrigens auch durch andere Vokale in manere, manoir zum Ausdruck kommt." Frage: Ist "ei" ein Euphon? Wenn ja, wie kann er in gleichbedeutenden Wörtern zum Ausdruck kommen durch einen anderen Vokal? Und welcher Vokal ist – übernationalsprachlich – kein Euphon? "In diesem Sinne muß die Sprache neu entdeckt werden", heißt es weiter. Die Antwort sei ein euphonisches Nein.

Karnevaleske Züge gewinnen die Spekulationen schließlich, wenn sie (29. Juni 1943) fragen: "Vokale: Pokale? Der Vokal wird durch den Konsonanten gefaßt; er faßt das Unaussprechliche. So faßt die Frucht den Kern und dieser wiederum den Keim." Der Gipfel des aussprechbar Unaussprechlichen findet sich unter dem 23. Mai 1943: "Atome + Hamannsches H =

Athome = At home." Hier beginnt, was nicht einmal mehr des Widerspruchs wert ist. Zum Abschluß dieser Beobachtungen eignet sich ein anderes Jünger-Zitat: "Jeder Fehler hat auch seine Vorzüge und umgekehrt" ("Gläserne Bienen", IX/407).

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Jünger ist verführbar wie wenige Schreibende durch die Suggestivkraft eines Bildes. Bilder, die auf den ersten Blick bestechen, erweisen sich beim zweiten Zusehen als beliebig, also unbrauchbar. Es geht, am 15. Januar 1940, um Gesang auf dem Marsch – "was den Leuten und mir selber gut bekommt. Alle rhythmischen Dinge sind Waffen gegen die Zeit, und gegen sie im Grunde kämpfen wir. Der Mensch kämpft immer gegen die Macht der Zeit". Er kämpft auch gegen anderes, und mancher kämpft gar nicht – aber darum soll es nicht gehen, sondern um die "rhythmischen Dinge": Ebensowohl kann man sagen, daß sie, als hörbar gemachte Zeit, nicht gegen sie sind, sondern für sie, als Begleiter, Bewußtmacher. Es kommt, um es mit Jüngerscher Großzügigkeit zu formulieren, auf die Art der Zeit an.

Licht "webt", Menschen "weben", Blankenburg ist "eine der Perlen der Harzstädte" und Freiburg doch wahrhaftig "eine Perle unter den Städten": Das klingt wie das Werbedeutsch eines Reisebüros und bekundet allenfalls Furchtlosigkeit gegenüber dem Klischee.