Eine alte Frau bricht auf der Straße zusammen, fällt aufs Gesicht, erholt sich bald wieder. Vergleich: "So tauchen Schwimmer bei hohem Seegang für einen Augenblick ins Wasser ein" (20. September 1939). Nein, denn der Schwimmer, tauchend, bleibt in seinem Element und verhält sich ihm gemäß. Die alte Frau war ausgebrochen, für den Augenblick herausgeglitten aus ihrem Element.

Unter dem 5. Mai 1943: "Zum Stil. Die Anwendung des Substantivums ist auf alle Fälle stärker als die der Verbalformen. ‚Sie setzten sich zum Essen‘ ist schwächer als: ‚Sie setzten sich zu Tisch‘ oder: ‚Sie setzten sich zum Mahl‘. ‚Er bereut das Getane‘ ist schwächer als ‚Er bereut die Tat‘. Das ist der Unterschied zwischen Bewegung und Substanz."

Wieder wird die Sprache anthropomorph behandelt. Es geht hier nicht um "stärker" oder "schwächer", sondern jede der Aussagen trifft einen anderen Sachverhalt, "das Getane" ist summarisch-allgemein, "die Tat" konkrete Einheit; und es kommt lediglich darauf an, ob "er" das eine zu bereuen hat oder das andere. Eingangs der zweiten Fassung des "Abenteuerlichen Herzens" heißt es von den früheren Aufzeichnungen: "Wie ich höre, finden sie seit langem mit erstaunlicher Regelmäßigkeit ihre fünfzehn Leser im Vierteljahr. Ein solcher Zuspruch erinnert an gewisse Blumen wie an Silene noctiflora, deren während einer einzigen Nachtstunde geöffnete Kelche eine winzige Gesellschaft beflügelter Gäste umkreist" (VII/180–81). Wieder lockt Expertenwissen in die Falle des irrigen Bildes. Während die Pointe der Blüte darin besteht, daß sie nur für einen einzigen Augenblick geöffnet ist, handelt es sich bei dem Buch eben darum, daß es lediglich eine kleine Schar anzieht, obwohl es permanent "geöffnet", vorhanden und bereit ist.

Der Unsicherheit in der Anwendung von Bildern und Formeln entspricht die unheilvolle Neigung zum allzu hoch angesetzten Ton. Narzißhaft und preziös behängt die Sprache sich mit gravitätischem Zierat und kredenzt mit Imponiergebärde erlesene Nichtigkeiten. Im besetzten Paris vergehen so die Tage, die Monate, man speist im "Ritz", nimmt seinen Tee, tauscht Gedanken über Kunst und Künstler, schmeichelt die Namen von Fürstinnen und Grafen, von großen Schriftstellern und Malern wie einen Hermelin um den Schreibschaft, tut Antiquitäten auf und seltene Bücher. Man denkt nicht nach, man sinnt; Besucher sind nicht einfach da, sie weilen; sie essen nicht, sondern speisen; sie geben nicht, sondern spenden; man besucht nicht, sondern spricht vor; man frühstückt nicht "wie gewohnt", sondern man pflegt zu frühstücken – oder "in der Sonne eine Tasse Tee zu trinken und einige hauchdünne Sandwiches zu verzehren, beinahe Oblaten, die der Erinnerung vergangenen Uberflusses gewidmet sind". Das ist 1941, Paris ist noch voll des Überflusses, und die Sandwiches (vermutlich) wollten hauchdünn sein, weil sie hauchdünn besser sind. "So treibt man auf bekränzten Schiffen dem Abgrund zu" – ein allzu kulinarisches Bild vom Ende, und dem Abgrund des Kitsches zutreibend. So berührt es erholsam, wenn inmitten von Marmorstirn und Brunnenrand, von Frühstück im "Ritz" und Tee beim Oberbefehlshaber, wenn es inmitten der Lektüre des Alten Testaments plötzlich tegtmeiert: "Der Schwager Kurt klagt brieflich, daß Nase und Ohren ihm am Erfrieren sind" (25. Januar 1942).

Daß der Stil "eben im tiefsten Grunde auf Gerechtigkeit" ruhe, ist eine anspruchsvolle und eindrucksvolle Feststellung (17. Februar 1942). Daß es Verstöße gegen diese Art von Gerechtigkeit sind, die Jünger daran hindern, die von ihm erstrebte "Macht und Leichtigkeit" in der Prosa zu erreichen, mag sich ihm gelegentlich angedeutet haben: Im ersten der "Drei guten Vorsätze" zu Neujahr 1943 heißt es sehr hellsichtig: "Fast alle Schwierigkeiten in meinem Leben beruhten auf Verstößen gegen das Maß." Auch die Schwierigkeiten der Sprache sind derartige Maßverstöße, auch die Anlehnung ans Klischee ist Mangel an Maß.

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Verstöße gegen das Maß: sie finden sich immer wieder in Jüngers Werk, auch im Spätwerk. Die Jugendstilballade in Edda-Nebeln "Besuch auf Godenholm" (1952) lebt von solchen Ungemäßheiten (das heißt, sie lebt eben nicht): "Die Stunden am Meere hatten etwas Stiftendes" (IX/342). Und konstant scheint jenes archaische Männer-Ideal das ganze Werk zu durchdringen, das etwa in den "Gläsernen Bienen" sich verkündigt: "Was sie in ihrer Jugend getrieben hatten und was seit Tausenden von Jahren des Mannes Amt, Lust und Freude gewesen war: ein Pferd zu reiten, des Morgens hinter dem Stier das dampfende Feld zu pflügen, im glühenden Sommer das gelbe Korn zu schneiden, während Ströme von Schweiß an der gebräunten Brust herunterrieseln und die Binderinnen kaum Schritt halten können, das Mahl im Schatten der grünen Bäume – alles, was das Gedicht seit uralten Zeiten gepriesen hat, es sollte nun nicht mehr sein. Die Lust war dahin" (IX/425). Es klingt wie aus einem Katalog zu den einstmals im "Haus der Deutschen Kunst" ausgestellten, derzeit in Frankfurt neu zu betrachtenden Bildern.