Archaische Mannes-Ideologie. Jäger, Waldläufer, Grabenkämpfer – ihnen ist als Geisteshaltung gemäß, was die Frau entbehren muß, Ironie etwa.

"Die Ironie ist Männersache, wie das Schachspiel oder die Philosophie. Sie ist zudem eine Sache von Junggesellen oder solchen, die als Junggesellen leben, und wie ein Wein, der im Alter an Säure gewinnt, ja Essig wird. Den Frauen steht sie nicht zu und nicht an. Sie haben andere Mittel und sind um so stärker, je mehr sie die Macht auf das Geschlecht gründen. Die Macht der Ironie liegt im Geist. Sie geht auf Kosten des Eros, und die beiden sind in kein Bett zu zwingen oder höchstens in ein sehr künstliches" ("Sgraffiti", VII/366). Vielleicht sprach man 1960 noch nicht von rollenspezifischem Verhalten, aber man wußte in aufgeklärten Kreisen schon lange vor 1960, daß die schlichte Aufteilung der Menschheit in Geist und Schoß lediglich der einen Hälfte eben dieser Menschheit zum Genuß gereicht – aus welchem Grunde sie diesen Zustand gern als einen natur- oder gottgegebenen auslegt. Verstoß gegen das Maß.

Es empfiehlt sich, bei solcher Gelegenheit die sparsamen Äußerungen des Tagebuchschreibers über Frauen genauer zu betrachten. Über manche, die ihm näher, ja nahe gestanden haben mag, äußert er sich mit verständlicher und zu respektierender Kargheit, Namen verschlüsselnd, Beziehungen lediglich andeutend. Dann aber bricht wohl auch eine Lust an landsknechthafter Rede hervor, Kasino-Erotik verbreitend.

Unter dem 10. Februar 1940 findet sich folgende Geschmacklosigkeit: "Zur erotischen Fortifikationslehre: vor allem vermeide jene vertrackte Art von Vesten, bei denen die Außenforts gleich unter dem ersten Angriff fallen, die Zitadelle aber unüberwindlich bleibt." Da lacht der Landsknecht, und die Dirne kichert.

Am 1. Mai 1941 notiert Jünger, daß er mit der Französin Renée ins Kino geht, nein, "ins Lichtspiel; ich berührte dort ihre Brust. Ein heißer Eisberg, ein Hügel im Frühling, in den Myriaden von Lebenskeimen, etwa von heißen Anemonen, eingebettet sind." Der Vorgang selber beschäftige uns nicht, wohl aber seine Schilderung, deren monströse Unangemessenheit wiederum die latente Unsicherheit gegenüber der Frau ausdrückt. Schon die Ortsangabe "dort" ist auf absurde Weise komisch. Dann aber liest sich die berührte Brust doch wirklich, als preise die baute cuisine die Meisterkreationen ihres Kochs auf der Dessertkarte an.

Wenn hier nicht eigens die Rede ist von der Ästhetik des Furchtbaren, von Jüngers Neigung, existentielle Grenzzonen übergehen zu lassen in Zonen ästhetischer Qualität, so nicht so sehr des hohen Bekanntheitsgrades halber, den diese Partien in der allmählich unübersehbar gewordenen Jünger-Literatur einnehmen. Vielmehr hat diese Untersuchung sich wesentlich auf die Unangemessenheiten im Stilgebrauch Jüngers konzentriert und von ungewollten Verstößen gegen das Maß kann nun nicht die Rede sein, wenn Jünger etwa von einem "Schönheitsfehler" redet, der darin besteht, daß im Augenblick der alliierten Landung in der Normandie der Oberbefehlshaber Rommel den Geburtstag seiner Frau in Deutschland feiert (6. Juni 1944). Die kontrastive Kombination von Flammentod und Flammenzauber; von fallenden Bomben und subtiler Jagd; von Hunger und Folter hier, Teerosen und Schachspiel da ist ein Kunstmittel, das man als barbarisch empfinden darf, das aber als solches bewußt Haltung ausdrückt: die der elitären Distanz, ja Arroganz innerhalb des durchaus nicht ignorierten Ganzen – Leben im Dotter des Leviathan, um es mit einem von Jüngers Lieblingsbildern zu sagen. Nachbarschaft von Rausch und Tod, Eros und Thanatos, Genuß und Untergang: das klingt fernher von Nietzsche und Spengler und ist vieux jeu, aber wie immer man es sehen mag, es ist nicht ohne Artistik aufbereitet. Bis hin zu der an Sadismus grenzenden berühmten Stelle zum 27. Mai 1944: "Alarme, Überfliegungen. Vom Dache des ‚Raphael‘ sah ich zweimal in Richtung von Saint Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in großer Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flußbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Maßnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweitenmal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und erhöhte Macht."

Hohe Feier der feinen Köpfe. Homer, Nero und Oscar Wilde füllten ihm das Glas, und welch ein Künstler stirbt in ihnen allen.