Von Claus Gatter er

Im Hochsommer 1914, vor sechzig Jahren, zog die Armee Österreich-Ungarns in ihren letzten Krieg. Vier Jahre danach, im November 1918, löste sie sich auf. Wie soll man dieses heute anachronistisch anmutende Völkerheer charakterisieren – als "multinational" oder richtiger als "hinternational"?

Johann Christoph von Allmayer-Beck/Erich Lessing: "Die K.(u.)K. Armee. 1848–1914"; C. Bertelsmann Verlag, München 1974; 256 S., 88 Farb- und 140 Schwarzweißphotos, Subs.-Preis 80,– DM, ab 1. 1. 1975 98,– DM

unternimmt es, diese Frage in Wort und Bild zu beantworten.

Die Autoren sind hervorragend qualifiziert: Allmayer-Beck ist Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien; Erich Lessing hat sein kritisches Auge für Geschichtsschreibung in Photographien wiederholt bewiesen. Ein gutes Gespann also für ein Werk, das – obschon vom Text her manche Wünsche offen blieben – mehr geworden ist als ein (auch für Geschenkzwecke geeignetes) "schönes Volksbuch". Vor allem in Lessings Photos wird Geschichte lebendig.

Die schwarz-gelbe Armee ist ein widerborstiges Thema. Der Kriegsgott hat sie (eigentlich seit 1849) nie begünstigt. Auch die Gründe für das historiographische Mißgeschick liegen auf der Hand: 1. Die preußische (deutsche) Generalität hat Österreichs Armee ("Kamerad Schnürschuh"; "Armee im Schatten") stets verachtet. 2. In den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns wurde die k. u. k. Armee generell als verschärfter "Völkerkerker" diffamiert. 3. In der jungen Republik Deutsch-Österreich sorgten sich Sozialdemokraten, und deutschnationale Pangermanisten um Distanz zum Heer des Kaisers.

Auch Allmayer-Beck sündigt, wie die meisten vor ihm, durch einen Wehrmachtspartikularismus. Er hat die Armee aus dem vielfarbigen und vielschichtigen Gewebe des habsburgischen Staates herausseziert. Die bewaffnete Macht wird als eine Art corpus separatum dargestellt, als "Hebel der monarchischen Gewalt", als "Klammer des Zusammenhalts der Völker", als Hort des "Reichspatriotismus", als quasitranszendente "Heimat von Kaisers Gnaden". Diese scheinbar totale Entpolitisierung der schwarz-gelben Wehrmacht entsprach in der Tat den Intentionen des Hofs und eines Teils des Offizierskorps, doch ändert dies nichts an der Tatsache, daß die Armee auf Schritt und Tritt von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen bedingt wurde – bis hin zu ihrem Untergang.