Die Welternährungskonferenz muß sich mit der Hungerkatastrophe befassen

Von Gabriele Venzky

Negombo, Ceylon, 1974: Ein kleines zerlumptes Mädchen geht durch den Bus. Auf dem Arm ein nacktes Baby. Wie ein nasses Handtuch hat sie sich den schlaffen Körper über die Schulter geschlagen. Der riesige Kopf pendelt willenlos hin und her. Das Baby hat nicht einmal mehr die Kraft, die Augen zu öffnen. Das Mädchen bettelt, doch niemand gibt etwas. Zu alltäglich ist das Bild, zu beschäftigt sind die Leute, ihre Bündel zu verstecken. Mehr als zwei Pfund Reis darf niemand mit sich führen, denn nicht für alle ist Reis da. – Drei Tage später. Das kleine zerlumpte Mädchen geht bettelnd durch den Bus. Ohne das Baby. Es ist tot, verhungert – eines von vielen Hunderten.

Kalkutta, West-Bengalen, 1974: Jeden Tag strömen mehr Menschen in die hoffnungslos übervölkerte Stadt. Sie sind auf der Flucht vor dem Hunger. Einige kommen aus dem benachbarten Bangla Desh. Sie haben die Sperren der indischen Truppen, die sie zurückhalten sollten, umgangen. 25 000 Menschen sterben dort jede Woche, weil sie nichts zu essen haben. Nun drängen sie sich hier zur dünnen, grauschleimigen Graupensuppe einer karitativen Organisation. Riesige schwarze Augen in den ausgemergelten Gesichtern, aufgequollene Bäuche, große, aschfahle Flecken auf der dunklen Haut. Nicht alle drängeln. Viele liegen zusammengekrümmt unter der brennenden Sonne auf dem Bürgersteig. Bewegungslos. Fliegen sitzen auf ihren Nasen, auf ihren Mündern und Augen. In einigen Stunden wird jemand mit einem hochrädrigen Karren kommen, und die Toten heraussortieren.

Agra, Indien, 1974: Stadt des Taj Mahal und des Roten Forts. Dorthin, wo die Menschen leben, in die sandige, verfallene Stadt, kommt kaum ein Tourist. Mit kreischender, sich überschreiender Stimme fordert ein wirrhaariger, spindeldürrer Lastenschlepper aus den Gewölben unten am Fluß zum Sturm auf das Getreidedepot der Regierung auf. Brodelnd schiebt sich die Menschenmenge durch die Straßen, drängt drohend auf die Polizeikette zu. Die Polizei schlägt mit spitzen Bambusknüppeln auf die Demonstranten ein. Schüsse fallen. – Einer von vielen Hungeraufständen.

Die Menschheit hat sich daran gewöhnt, durch Hunger dezimiert zu werden. Denn auch, wenn jährlich 40 Millionen – davon 15 Millionen Kinder unter fünf Jahren – an den Folgen der Unterernährung sterben, so wächst die Erdbevölkerung doch bedrohlich weiter: Um 75 Millionen in diesem Jahr, um 80 im nächsten und dann um 100 Millionen.

Ein Krisenknäuel