Von Victor Gero

Wenn eine chemische Substanz in lebenden Organismen überhaupt nicht oder nur äußerst spärlich in nur vereinzelten Spezies zu finden ist, darf man nach der Evolutionstheorie annehmen, daß dieser Stoff im Verlauf der Entwicklung der Arten als unbrauchbar oder lebensbedrohlich gewissermaßen ausgesondert wurde. Denn die pflanzlichen oder tierischen Organismen, die solche Stoffe enthielten, waren hinsichtlich ihrer Überlebenschancen benachteiligt und starben aus.

Geht man von dieser Annahme aus, dann sollten wir alle Stoffe, die sich in lebenden Organismen als verdächtig abwesend erweisen, jedenfalls die einfachen chemischen Verbindungen solcher Art, mit besonderer Skepsis betrachten, ehe wir sie in unsere innere oder äußere Umwelt einführen. Wer weiß, ob diese Substanzen nicht schon einmal in der Entwicklungsgeschichte unserer Art "ausgemendelt" worden sind, weil sie uns Harm zufügen können.

Ein solcher Stoff ist die vergleichsweise simple Zusammensetzung aus zwei Kohlenstoff-, drei Wasserstoffatomen und einem Chloratom pro Molekül, gemeint ist Chlorethylen, das besser unter dem Namen Vinylchlorid bekannte Gas, aus dem der weit verbreitete Kunststoff PVC hergestellt wird. Und dieses Vinylchlorid ist genau von der gefürchteten Art, wie wir seit Januar dieses Jahres wissen – freilich nur aus den USA; in der Bundesrepublik hat man die Hiobsbotschaft über den Stoff heruntergespielt. Denn es ruft zweifelsfrei Krebs hervor, besonders eine sehr seltene Form des Leberkrebses. Aber auch andere Krebskrankheiten gehen auf das Konto dieser für die Kunststoff-Industrie so unentbehrlichen Substanz (siehe ZEIT Nr. 27, 1974). Befallen werden davon die Arbeiter in den PVC-Fabriken.

Jetzt ist der nächste Plastik-Grundstoff als Krebserzeuger unter starken Verdacht geraten, nämlich Vinylidenchlorid, aus dem die dünnen durchsichtigen Folien hergestellt werden, die sich im Haushalt und bei der Verpackungsindustrie größter Beliebtheit erfreuen.

Freilich spricht viel dafür, daß die Endprodukte, also die Plastikfolien, harmlos sind. Aber die Arbeiter in den folienproduzierenden Fabriken (soweit sie ihre Produkte aus Vinylidenchlorid herstellen), sind, wie der amerikanische Chemiegigant Dow Chemical befürchtet, wie ihre Kollegen in den PVC-Fabriken von Krebsgefahr bedroht.

Vorerst handelt es sich beim Vinylidenchlorid um nicht mehr als einen Verdacht – im Gegensatz zum Vinylchlorid! –, und Dow Chemical gebührt Anerkennung dafür, daß die Firmenleitung sofort bei der Gewerkschaft und der amerikanischen Gesundheitsbehörde Alarm schlug, als ihr Tierversuche bekannt wurden, die den Verdacht aufkommen ließen.