Ist Grass ein englischer Autor? Wer erlebt, wie ein englisches Publikum während der Lesungen des "Deutschen Monats" in London noch die subtilsten ironischen Anspielungen und literarhistorischen Verweise nachschmeckt, wenn Günter Grass aus einem neuen Werk vorliest, "das mit Essen, Verdauen, Kochen und allem, was damit zusammenhängt, zu tun hat", wundert sich nicht mehr, daß die – auf den ersten Blick unübersetzbar wirkenden – Bücher allesamt nicht nur vorzüglich übertragen sind, sondern in England auch ihr Publikum finden.

Der Vortragsabend von Günter Grass und Siegfried Lenz (370 Plätze) war am ersten Tag ausverkauft. Die zusätzlich eingeschobene Lesung in einem 560 Zuhörer fassenden Saal war ebenfalls innerhalb einer Woche ausgebucht. Das ist bei der Fülle des kulturellen Angebots in London nicht selbstverständlich, und man versteht den Stolz, mit dem die Veranstalter vom Goethe-Institut London solches Interesse registrieren. Und wenn am Schluß einer Lesung ein alter Mann auf die Bühne steigt, eine Tüte aus dem Mantel kramt, sich von Grass die selbstgesammelten Pilze bestimmen und mit Kochrezepten versorgen läßt, dann hat die "Kulturmilliarde", jenes noch immer beschämende Sümmchen, das die Bundesrepublik Deutschland für die sogenannte Kulturarbeit im Ausland ausgibt, üppige Zinsen gebracht.

Denn im offiziellen Bonner Sprachgebrauch gilt die kulturelle Selbstdarstellung der Bundesrepublik als "dritte Säule" politischer Repräsentation – neben Außenpolitik und Handelsbeziehungen. Das klingt gut. Wie gering in Wahrheit die Kultur von den Polit-Managern unseres Staates geschätzt wird, die sich als Verwalter einer Kulturnation verstehen, mag die Tatsache zeigen, daß es in einem Vierteljahrhundert zu keinem einzigen Kabinettsbeschluß über Kulturpolitik im Ausland gereicht hat.

Wo die "dritte Säule" staatlicher Außenpolitik offensichtlich nur rhetorischen Charakter hat, stellt sich das "Goethe-Institut zur Pflege deutscher Sprache und Kultur im Ausland" seit einiger Zeit mit Entschiedenheit auf ein drittes Bein. Neben Sprachkursen und kulturellen Veranstaltungen, die von der Münchner Zentrale oder den Zweigstellen organisiert werden, ist ein vielversprechendes Kooperationsprogramm mit ausländischen Partnern entwickelt worden. So begegnet das neue Direktorium des Goethe-Instituts, das eng mit der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes zusammenarbeitet, der Gefahr, die Auslandsinstitute zu Gettos der Kultur zu machen.

Von den alten Programmvorstellungen ist man in München, nach Auswertung der Erfahrungsberichte aus den Zweigstellen, abgekommen. Jodlergruppen in Asien, Schrammelquartette in Afrika, Professorenvorträge in Südamerika, deutsche Theatergruppen auf strapaziöser Überseetournee – die Erfahrung hat gelehrt, daß von solchen Veranstaltungen kaum mehr als exotische Reize ausgehen. Und die Deutschland-Spezialisten solcher Länder werden durch Einladungen in die Bundesrepublik besser und gründlicher – und billiger – informiert als durch Gastspiele der alten Art.

So hat man jetzt in London darauf verzichtet, etwa die Inszenierung von Schillers "Jungfrau von Orleans" des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg einzuladen; für 160 000 Mark hätte man in London höchstens die Besucher von drei oder vier Vorstellungen in deutscher Sprache erreicht. Größere Wirkung verspricht der Auftrag an einen jungen erfolgreichen Regisseur (Hovhannes Pilikian), Schillers "Räuber" als englische Erstaufführung unter dem Titel "The Highwaymen" mit einer englischen Truppe einzustudieren. Zusammen mit dem Auftrag einer neuen Übersetzung (Gail Rademacher) können so im Roundhouse (950 Plätze) sechzehn Vorstellungen geplant werden, die (mit der Neuübersetzung) etwa 110 000 Mark kosten.

Daß von solchen Initiativen größere Wirkungen ausgehen, leuchtet ein, zumal dann, wenn nicht nur mit dem traditionellen Publikum der Goethe-Institute, sondern auch mit dem der jeweiligen Partner gerechnet werden kann. Die acht Ausstellungen, vier Konzerte, drei Theaterproduktionen, zwei Filmwochen, drei Dichterlesungen, neun Vorträge und sechs Seminare des "Deutschen Monats" sind in zweijähriger Vorbereitungszeit mit zehn englischen Institutionen entstanden – und das umfangreichste Unternehmen des Goethe-Instituts seit seiner Neugründung vor einundzwanzig Jahren.