5. IX. 1939. Der ganze Sinn meiner Arbeit seit April 1938 war, zur Bewahrung des Friedens mein Möglichstes beizusteuern. Was ich in dieser Zeit dafür tat, konnte ich meistens nicht aufschreiben. In den ersten fünf bis sechs Monaten versuchte ich vorwiegend auf direktem Weg durch Meinungsäußerungen gegenüber Herrn v. Ribbentrop zum Ziel zu kommen. Später, als ich dessen psychologische Voraussetzungen besser kannte, bevorzugte ich andere Wege. – Der letzte Tag, an dem sich hier für mich eine äußerste Gelegenheit bot, war der 2. 9., als die Italiener in der Morgenfrühe einen – dann freilich vergeblichen – letzten Versuch, zu einem Waffenstillstand machten. Ich sorgte für Information des Führers und anderer Stellen, ehe R. zur Stelle war. So gab es noch einen Tag voll Hoffnung.

Der Beweis, daß auch andere meine Versuche, das Schlimmste zu verhüten, würdigen, wird wohl auf sich warten lassen. Er nützt auch mir und der Sache nichts. Doch bewegte mich tief ein kurzes schriftliches Abschiedswort, das mir nach dem Sonntag der Kriegserklärungen Englands und Frankreichs der britische Botschafter am 4. 9. früh hinterließ.

Nun sind wir im Kampf. Gebe Gott, daß nicht alles, was gut und wertvoll ist, dabei vollends zugrunde geht. Je kürzer er dauert, je besser. Doch muß man bedenken, daß die Gegner mit Adolf Hitler und mit H. v. Ribbentrop keinen Frieden schließen werden. Was das bedeutet – wer würde das nicht sehen!?

Mitte Oktober 1939 (Ein Rückblick über 1938 und 1939).

I. Frühjahr bis Herbst 1938. Das politische Feuer erlosch im ganzen Sommer nicht. Unsere Sudetendeutschen mußten im Glauben sein, der Herbst bringe die Lösung mit Gewalt. Mein eigenes Programm der "chemischen" Lösung war in Berlin nicht populär. Anfang August wurde von H. v. Ribbentrop ein Runderlaß an unsere Missionen entworfen, um ihnen den Rücken zu stärken. Ich gewann es nicht über mich, die darin enthaltenen Tiraden über Nichtbeteiligung bzw. "Zerschmetterung" unserer westlichen Gegner ohne Einspruch unter der seit Bismarcks Zeiten durch ein gewisses Niveau gekennzeichneten Firma des A. A. in die Welt gehen zu lassen. Gewisse Abschwächungen nahm H. v. Ribbentrop vor. Er stand aber auf dem Standpunkt, man müsse unseren Missionschefs die mutigen Redensarten wörtlich vorschreiben, nicht aber sie von ihrem inneren Wert überzeugen. Da die Diplomatie ohnehin nichts tauge, Ersatz aber nicht so schnell zu finden sei, hielt es der Minister fürs beste, die Missionschefs an den Brennpunkten jeweils zu entfernen. So wurde in Prag im Spätsommer mit dem Gesandten Eisenlohr verfahren, so auch in London und Paris im Sommer 1938 und 1939, ebenso in Warschau im August 1939. Stets befürchtete der Minister und wohl auch der Führer, die findigen und geschulten Beamten unseres Dienstes könnten Gespräche führen, die vom direkten Weg zur gewollten Krise ablenken könnten.

H. v. Ribbentrop monopolisierte daher auch die tschechische Sache ganz auf sich. Die London-Reise des Adjutanten des Führers, Wiedemann, die Mission Runciman, Warnungen aus verschiedenen Richtungen, alles wurde beiseite geschoben. Die scharfe Richtung unter den Sudetendeutschen wurde gefördert. Aus der Reichskanzlei wurde immer wieder kolportiert, Deutschlands Jugend brauche den Krieg, um sich zu stählen. Der Krieg gegen die Tschechei bekam den Charakter: L’art pöur l’art...

Ein entschiedener Gegner des Krieges war der Chef des Generalstabs Beck. Dieser sagte mir am Anfang August, er gehe weg. Denn er wolle die Verantwortung für das kommende Unheil nicht mittragen. Meine Versuche, ihn umzustimmen, beantwortete er damit, daß man im Moment der Krise nicht gehen könne, also müsse man es vorher tun. Für mich gelte eine andere Meinung, da der Politiker, anders als der Soldat, bis zum Schluß Möglichkeiten habe, abzuwenden. 1938 stimmte das, 1939 nicht mehr.