München

Die Szene erregte ungläubiges Lächeln. Die Hände hoch in den Abendhimmel geredet und das Gesicht zu einer Siegerpose erstarrt, die aus dem Schulbuch für öffentliche Auftritte von Politikern stammen konnte, beschwor Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel Seite an Seite mit CSU-Chef Franz Josef Strauß eine Vision: "Diese Stadt gehört uns", schleuderte der sonst eher ruhige Landesvater emphatisch jenen Zuhörern entgegen, die an einem lauen Sommerabend im Juli zum Abschluß des CSU-Parteitags auf dem Münchner Marienplatz den offensiven Auftakt des Wahlkampfes erlebten. Und als ob er sich selbst bestätigen müsse, wiederholte Goppel mit ungewohnt schriller Stimme den Schlachtruf: "Diese Stadt gehört uns."

Hundert Tage nach dem denkwürdigen Auftritt, am Abend des 27. Oktober, gehörte München wirklich der CSU. Dem christlich-sozialen Bezirksverband, dem jahrzehntelang das Image des Aussätzigen und ewigen Verlierers anhing, gelang es, der SPD auf einen Streich alle elf städtischen Direktmandate abzujagen.

In keiner deutschen Großstadt vollzog sich ein tiefgreifender Wandel der politischen Mehrheit so jäh wie rund um Stachus und Liebfrauendom. Über die Gründe dieses Stimmungsumschwungs rätseln seit dem Wahltag Verlierer und Gewinner gleichermaßen. Die vordergründige Erklärung, Münchens CSU habe analog zum Grad des Zerfalls einer zerstrittenen SPD an Stimmen gewonnen, ist nur zum Teil richtig. Als sich die Münchner SPD in den frühen fünfziger Jahren am "linkesten" gebärdete, mußte die CSU den niedrigsten Stimmenanteil ihrer Geschichte hinnehmen, obwohl sie längst in der Landesregierung das Sagen hatte. Der sozialdemokratische Aufstieg währte bis 1962, als die Münchner SPD zur Landtagswahl die Traumgrenze von 49 Prozent der Stimmen erreichte. Vier Jahre später büßte sie bereits ein halbes Prozent ein.

In jener Zeit nämlich begann in der Münchner CSU eine Neuorientierung, die erst heute Früchte trägt. Mitte der sechziger Jahre rührte sich in der bis dahin klerikalen, in Unternehmerinteressen verfilzten Honoratiorenpartei eine neue Generation liberal-konservativer Großstadtpragmatiker. Sie hatte das kleinkarierte Getue in der kommunalpolitisch vom SPD-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel total umarmten Münchner CSU satt. "Wir brauchen eine Großstadtpolitik, die weltoffen ist und die die Liberalitas Bavarica mit ihren humanen Zügen wiederspiegelt", sagte der damals unbekannte. Erich Kiesl, der, seit 1969 Münchner CSU-Vorsitzender, einen Gutteil des Erfolges seines Bezirks auf sich selbst zurückführt. Kiesl war 1960 als junger Finanzassessor zur Münchner CSU gestoßen. Zehn Jahre später zog er bereits als Staatssekretär ins Innenministerium ein, heute gilt er als ministerreif, wenngleich er seine große Stunde erst Ende 1976 wittert. Dann nämlich steht mit dem Rückzug Goppels in Bayern das große Kabinettsrevirement an.

Kiesl wurde sehr bald zum enfant terrible der Münchner CSU. Und seine Gruppe – mit den inzwischen samt und sonders zu politischen Ämtern aufgestiegenen Karrierepolitikern Erich Riedl, Winfried Zehetmeier, Paul Wilhelm und Erich Schosser – entpuppte sich schnell als Schrecken der alten Garde. Nach und nach eroberten die Jungen wichtige Positionen im Vorstand, wobei es, so Kiesl, zu "knallharten Auseinandersetzungen" kam. Nur im Vordergrund stand dabei eine Personalentscheidung, im Hintergrund entbrannte der Kampf um den zukünftigen Kurs. Mit der Eroberung der Basis, einer Taktik, die viel später in der SPD den Jusos schwer verübelt wurde, propagierte Kiesl für die CSU eine "liberale Öffnung": Er forderte überzeugte Großstadtpolitiker, die sich absetzen vom Miefkurs der Provinz, führte das für Honoratiorenohren erschreckende Wort "Sozialfunktionen" in die CSU ein und plädierte seit 1965 in München für eine von der SPD unabhängige Unionsfraktion. Während landesweit die CSU noch über die im Parteinamen festgelegte "christliche Verpflichtung" debattierte, war der Bezirk München schon einen Buchstaben weiter: er bemühte sich, den sozialen Faktor zu stärken und entwickelte dabei oft Gedanken, "die nicht opportun waren auf Landesebene" (Kiesl). Im Jahr 1970 änderte sich das grundlegend, als der Stimmenanteil der Münchner CSU um sieben Prozent steil in die Höhe schoß – von 31,9 auf 38,6 Prozent.

Zu jener Zeit war von innerparteilichen Querelen der Münchner SPD noch kaum die Rede. Statt dessen gewann in der CSU ein Flügel an Einfluß, der das Attribut "links" nicht ungern hört. Da erschien plötzlich der Sozialpolitiker Paul Wilhelm (39) im Landtag und vertrat Positionen, die seinem Sitz im DGB-Landesvorstand entsprachen. Und Kiesl, nach vier Parlamentsjahren bereits ins Kabinett gehievt, wurde nicht müde, von seinem einfluß- und einblickreichen Posten im Innenministerium aus Impulse für die Münchner CSU zu geben. Daß er dabei mehrfach übers Ziel hinausschoß, empörte zwar die Opposition, die Wähler indes schätzten die forsche, manchmal linkische, manchmal geschickte Art des mit Worten und Gesten allgegenwärtigen Staatssekretärs so sehr, daß sie ihm in seinem Stimmkreis München-Bogenhausen jetzt sogar ein Plus von 10,1 Prozent und einen Stimmenanteil von 49,7 Prozent bescherten. Hochroten Kopfes und sichtlich überrascht murmelte er in der Wahlnacht immer wieder: "Ihr könnt’s mir gratulieren. Ich hab’s g’schafft."