Man mußte in die Provinz fahren für diese bedeutsame Erfahrung: Der deutsche Film stürmt unaufhaltsam vorwärts und läßt sich auch durch eine geschlossene Front von Profis nicht mehr einschüchtern. Bei einer allgemeinen Wetterlage zwischen Hundepieseln und Schneegestöber führte letzte Woche in Hof das eindrucksvolle Zusammenspiel von Jungverleihern, Schauspielern, Regisseuren und der Fachkritik zu einem verdienten Sieg, genauer: schlug beim traditionellen Kicker-Derby der "1. FC Internationale Hofer Filmtage" die lokale Kneipenauswahl von Hof im Stadion Grüne Au drei zu eins.

Hof? Film? International? Hof: zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald, drei Kilometer zur DDR- und zwölf zur CSSR-Grenze, 500 Meter hoch, gesunde Luft; PR-Slogan in Prospekten der Stadt: "Hof – in Bayern ganz oben"; 55 000 Einwohner, 348 Straßen, 11 Plätze, 10 Brauereien, über 200 Kneipen; ein Theater, ein Orchester, ein jährliches Filmfestival im riesigen alten Central-Kinopalast.

Inmitten der kommunikationsfeindlichen deutschen Filmszene sind die Hofer Filmtage, heuer schon die achten, ein freundliches Familientreffen, klein, aber oho, ein bißchen wurschtig, wie ein fröhlicher Jungenstreich abgezogen, aber mit einem Programm, das in den letzten Jahren immer mehr Zeitungen, Fernsehteams, Film- und Kinoleute herlockte. Heinz Badewitz, gebürtiger Hofer und ehemaliger Kurzfilmer, zeigt stolz die Liste der etwa 150 auswärtigen Besucher vor, zählt die privaten Gönner dieses "kleinsten Festivals der Welt" auf und betont, daß es auch künftig in Hof keine Reglements, Jurys, Preise, thematischen Verpflichtungen und ähnliche Festival-Kabbeleien geben werde.

Filmemacher wie Vlado Kristl, Werner Herzog, Uwe Brandner, Daniel Schmid sind immer schon nach Hof gegangen, und andere sind ihnen gefolgt, um einen neuen Film zuerst vor diesem idealen Publikum aus Freunden, Cineasten und vielen stinknormalen Hofern zu testen. Badewitz bringt außerdem immer wichtige oder komische Ausgrabungen aus den USA, Holland, der Schweiz oder der ČSSR, spielt auch ohne weiteres Beiträge anderer Festivals nach; er will Filmen eine Chance geben, die sonst untergehen würden.

Eine typische Hofer Ausgrabung war John Waters’ "Pink Flamingos", der zwei Jahre lang als Geheimtip in Manhattan lief. Der Kampf zweier monströser Weiber und ihrer Clans um den Ruf, die widerlichsten Leute der Welt zu sein, ist so voll von bösen Verweisen auf amerikanische Zustände, benutzt so zynisch und sarkastisch die Versatzstücke der Film-, Underground- und Dekadenz-Kulte, ist so grell und vulgär, daß einem Warhols Filme dagegen wie lammfrommes Kindertheater erscheinen.

Außerdem in Hof: zwei neue Schweizer Spielfilme (Markus Imhoofs Knaststudie "Fluchtgefahr" und Urs Aebersolds Polemik "Die Fabrikanten"), ein alter Russ-Meyer-Porno mit dem schönen Titel "How Much Loving Does A Normal Couple Need", vier, fünf neue deutsche Titel und Werner Herzogs Kaspar-Hauser-Film.

Der Titel "Jeder für sich und Gott gegen alle" hat keinen erkennbaren Bezug zum Film, die Hauser-Legende wird sehr frei benutzt, der Vergleich zu François Truffauts "Wolfsjunge" drängt sich nirgends auf. Herzog, der sich in der Grünen Au übrigens als beachtlicher Mittelstürmer erwies und dem der diesjährige Hofer Oscar überreicht wurde, Herzog hat vielleicht seinen ersten Publikumsfilm gemacht, in schönen bunten Bildern der Biedermeierzeit schwelgend, sehr klar und direkt, eine romantische, traurige, phantastische Kinogeschichte. Der Film soll noch diesen Monat ins Kino kommen. Die Hof er waren sichtlich begeistert.