DIE ZEIT

Die Quittung

Die Wahlen in Amerika haben den erwarteten Erfolg der Demokratischen Partei gebracht. Bei diesem ersten Urnengang nach Watergate hatten sie gleich zwei Vorteile: Zum einen profitierten die Demokraten von dem traditionellen Bonus der Opposition bei Zwischenwahlen, zum anderen schlugen die Verbitterung und Enttäuschung über den Republikaner Nixon für sie voll zu Buche.

Aus der Krise in den Krieg?

Die biblische Legende von Jericho, dessen Mauern durch Josuas Trompeten zu Fall gebracht wurden, ist in Israel noch heute gegenwärtig.

Todesstrafe

Als die Väter des Grundgesetzes vor einem Vierteljahrhundert den knappen Satz in ihre Verfassung schrieben: "Die Todesstrafe ist abgeschafft", handelten sie wie zweihundert Jahre früher Friedrich der Große mit dem Verbot der Folter in Preußen: Gegen die Mehrheit.

Zittern als Beruf

Statt sich endlich sorgenfrei um die Zukunftssicherung kümmern zu können, muß die FDP seit den Wahlen in Hessen und Bayern wieder einmal ums politische Überleben kämpfen.

Ende der Stagnation?

Fast vier Jahre sind vergangen, seit die Bundesrepublik im deutsch-polnischen Vertrag vom Dezember 1970 die Oder-Neiße-Grenze anerkannt und auf die Ostgebiete verzichtet hat, die ein Viertel des alten deutschen Reiches ausmachten.

Der blutige Alptraum des Idi Amin

General Idi Amins Vater, Dada Amin, hat Uganda fluchtartig verlassen, weil er um sein Leben fürchten muß. In Zaire fand er Unterschlupf.

Worte der Woche

"Dieser Schritt geht wesentlich zurück auf Gespräche, die ergeben haben, daß ein für die Bewältigung der vor uns liegenden schwierigen Aufgaben unerläßliches Einvernehmen zwischen den verantwortlichen Spitzen innerhalb der SPD und mir nicht mehr gegeben ist.

Zeitspiegel

Zum erstenmal ist der frühere chinesische Staatschef Liu Schao-tschi von einer chinesischen kommunistischen Zeitung offiziell als tot erklärt worden.

Neuer Aufschwung für die Wirtschaft

ZEIT: Herr Bundeskanzler, Sie sind nach den Wahlniederlagen Ihrer Partei in Bayern und Hessen nach Moskau gefahren. Sie haben dort schwierige Verhandlungen geführt.

Wolf gang Ebert: Die Gewöhnungskur

Wir werden uns an die Vorstellung, daß Franz Josef Strauß 1976 Bundeskanzler werden kann, wohl gewöhnen müssen. Es könnte aber Menschen geben, die sich damit etwas schwer tun.

Angelpunkt Berlin

So paradox es klingt: Das greifbarste Ergebnis des Besuchs von Bundeskanzler Schmidt und Außenministers Genscher in Moskau besteht im Ungreifbaren – aus Imponderabilien, aus Stimmungen und Eindrücken, die beide Seiten voneinander gewonnen haben.

Diplomatisches Windei

Den Westberlinern, die ihn stolz im Wappen führen, ist ein anderer Bär aufgebunden worden: Der Vatikan beteilige sich an der Abschnürungspolitik des Kreml gegen die Stadt, denn er habe den Regierenden Bürgermeister Schütz nicht gemeinsam mit dem Bonner Botschafter empfangen wollen.

Berlin – ein Bonner Stiefkind?

Die grundsätzliche Einigung über die Einbeziehung West-Berlins in das deutschsowjetische Energiegeschäft ist ein Lichtblick nach einer Reihe von Enttäuschungen und Ungereimtheiten in der Berlin-Politik der letzten Monate.

Der Wiedererwecker kommt

Washingtons Verteidigungsminister James Schlesinger will die Deutschen an der Führung des atlantischen Bündnisses beteiligen

Richter und Raubritter

Vor Jahren gab es einmal zwei hessische Amtsrichter namens Pulch und Priepke, die sich mit Hilfe ihrer Kollegen vom Verwaltungsgericht in Frankfurt vorübergehend selbst beförderten.

Spanien: Liberale geschwächt

Die liberalen Kräfte in Spanien fürchten, daß das "Programm der Öffnung", das am 12. Februar von Ministerpräsident Arias Navarro eingeleitet worden war, einen schweren Rückschlag erlitten hat.

Leber – Schlesinger: Volle Einmütigkeit

"Fast nichts, was nicht geklärt werden könnte": dieses Resümee zog der Bonner Verteidigungsminister Leber am Ende der zweitägigen Gespräche mit seinem amerikanischen Kollegen Schlesinger.

US-Wahlen: Demokraten vorn

Mit einer noch größeren Mehrheit als bisher ziehen die Demokraten in den 94. Kongreß der Vereinigten Staaten ein. Bei den Ergänzungswahlen vom Dienstag konnten sie wesentliche Stimmengewinne erzielen.

Nach der Flut: der Hunger

Der Überschwemmungskatastrophe im größten Delta der Welt ist der Hunger gefolgt. In Bangla Desh sterben jetzt durchschnittlich tausend Menschen täglich an Nahrungsmangel.

Bonn: Vertrag mit Polen

Bei nach wie vor ungelösten Kernfragen haben die Bundesrepublik und Polen einen weiteren Schritt getan, um wenigstens ihre Zusammenarbeit zu verbessern und zu vertiefen.

Wachablösung in Hamburg

So reibungslos vollzog sich die Wachablösung an der Regierungsspitze des Stadtstaates Hamburg, daß das Thema am Dienstag – noch vor der Wahl des Nachfolgers – schon wieder fast völlig aus der überregionalen bundesdeutschen Presse verschwunden war.

Kissinger wieder in Nahost

Henry Kissingers Reisediplomatie konzentriert sich seit Dienstag wieder auf den Nahen Osten. Unmittelbar nach Abschluß seiner Neun-Länder-Tour von Moskau über Neu Delhi bis Rom und nach einer Ansprache vor der Welternährungskonferenz flog er nach Kairo.

Fürs Überleben bezahlen

Negombo, Ceylon, 1974: Ein kleines zerlumptes Mädchen geht durch den Bus. Auf dem Arm ein nacktes Baby. Wie ein nasses Handtuch hat sie sich den schlaffen Körper über die Schulter geschlagen.

Zum 100. Geburtstag des SPD-Politikers Rudolf Breitscheid: Radikaler und Realpolitiker

Um die Jahrhundertwende war Friedrich Naumann der strahlende Stern am politischen Himmel des wilhelminischen Deutschland. Vor allem die suchende studentische Generation der Jahre 1900 bis 1905 wurde von Naumanns Ideen angezogen: Dynamische deutsche Welt(macht)politik auf der Grundlage des innenpolitischen Ausgleichs und eines erneuerten, sozialen Liberalismus.

Wie schön ist Stoltenberg?

Stoltenbergs Kabinettssprecher Arthur Rathke dementierte ein Regierungsinteresse an Umfragen, deren Ergebnisse Aufschluß über die Chancen des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten als Kanzlerkandidat geben könnten.

Münchner CSU im Aufwind: "Ich hab’s g’schafft"

Die Szene erregte ungläubiges Lächeln. Die Hände hoch in den Abendhimmel geredet und das Gesicht zu einer Siegerpose erstarrt, die aus dem Schulbuch für öffentliche Auftritte von Politikern stammen konnte, beschwor Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel Seite an Seite mit CSU-Chef Franz Josef Strauß eine Vision: "Diese Stadt gehört uns", schleuderte der sonst eher ruhige Landesvater emphatisch jenen Zuhörern entgegen, die an einem lauen Sommerabend im Juli zum Abschluß des CSU-Parteitags auf dem Münchner Marienplatz den offensiven Auftakt des Wahlkampfes erlebten.

FDP-Schleswig-Holstein: Klarer Kurs

Ein Parteitag geriet zur Formsache. Ungeachtet der Wahlschlappen von Bayern und Hessen erklärten sich die Freien Demokraten Schleswig-Holsteins am vergangenen Wochenende in Timmendorf für ein sozial-liberales Regierungsbündnis nach der Landtagswahl am 13.

Villenbewohner gegen Pensionäre

Im oberbayerischen Erholungs- und Prominentenwohnort Starnberg werden 220 alte Leute gegen 550 alte Bäume ausgespielt. Mit Argumenten des Natur- und Umweltschutzes versuchen die Bewohner eines exklusiven Villenviertels, die Errichtung eines dringend benötigten Altersheims in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu verhindern.

"Ein bißchen rassistisch"

Er stand 54 Stunden lang im leckgeschlagenen Boot bis zum Bauch im Wasser und kämpfte im Atlantik um sein Leben. Der Schiffsjunge Folkert Anders überlebte die Katastrophe des Windjammers "Pamir".

Franz Josephs Heer

Im Hochsommer 1914, vor sechzig Jahren, zog die Armee Österreich-Ungarns in ihren letzten Krieg. Vier Jahre danach, im November 1918, löste sie sich auf.

Anti- und andere Weißbücher

Zweimal in der knapp 25jährigen Geschichte westdeutscher Wiederaufrüstung haben Gewerkschafter an der Spitze des Verteidigungsministeriums gestanden: Theodor Blank, der als Bevollmächtigter von Bundeskanzler Adenauer mit wenig Glück das Projekt der Halbmillionenstreitmacht auf den Weg brachte, und Georg Leber, dessen Reden und Tagesbefehle von wilhelminischer Diktion durchwirkt sind.

Der Sturm auf Friedrich

Das war’s dann also: 220 000 Menschen besuchten in 51 Tagen die mit 95 Bildern, 137 Zeichnungen und graphischen Blättern bisher größte Caspar-David-Friedrich-Ausstellung, kauften 40 000 Kataloge.

Zeitmosaik

1951 veröffentlichte er einen der Schlüsselromane der fünfziger Jahre, den "Fänger im Roggen", in dessen Hauptfigur Holden Caulfield sich eine Generation verunsicherter Jugendlicher wiedererkannte.

Loriots Wiederkehr

Wie laut sie auch darüber nachdachten, ob das Kabarett tot sei "und nur noch die Autopsie braucht" oder bloß scheintot und auf seine Wiederbelebung lauernd: die zwei adretten Herren auf der Bühne, Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, wußten, daß inzwischen "ja etwas weit Komischeres erfunden worden" ist als das Kabarett, nämlich die Talk-Show, "dieses Vehikel für Kommunikation" im Fernsehen, "diesem Präservativ der Realität".

Goethes drittes Bein

Ist Grass ein englischer Autor? Wer erlebt, wie ein englisches Publikum während der Lesungen des "Deutschen Monats" in London noch die subtilsten ironischen Anspielungen und literarhistorischen Verweise nachschmeckt, wenn Günter Grass aus einem neuen Werk vorliest, "das mit Essen, Verdauen, Kochen und allem, was damit zusammenhängt, zu tun hat", wundert sich nicht mehr, daß die – auf den ersten Blick unübersetzbar wirkenden – Bücher allesamt nicht nur vorzüglich übertragen sind, sondern in England auch ihr Publikum finden.

Scheiterhaufen für einen Dichter

Vor vollen Zuschauertribünen und in Anwesenheit internationaler Pressevertreter fand am 24. Oktober in Basel die Hauptverhandlung in dem Prozeß gegen den Lyriker Frank Geerk statt.

Chaos mit Anspruch

Angekündigt war eine "kulturelle Großveranstaltung mit kritischen Fragestellungen", Fortsetzung des vielgeschmähten Nürnberger "Kybernetikons" 1972: Strukturen, Methoden, Ziele und Produktionsweisen des Fernsehens sollten transparent werden, die Besucher "nicht mehr bloßes Objekt der Berichterstattung, sondern Subjekt und Partner" der Programm-Macher sein.

Die neue Schallplatte

Noch nie hat sich das seit fünfzehn Jahren (mit) Bach spielende Jazz-Trio so weit von seinem Meister entfernt – und war ihm noch nie so nahe wie in diesem live aufgenommenen Konzert.

Schweizer Interna

Im März dieses Jahres beschloß der Frankfurter Suhrkamp Verlag, daß ihm eine "vermehrte Präsenz" in der Schweiz not tue, und eröffnete in Zürich eine rechtlich unabhängige Filiale, die einmal Suhrkamp-Bücher "vermehrt" in der Schweiz verbreiten, zum anderen Schweizer Bücher vermehrt in das Suhrkamp-Programm einspeisen sollte.

Rüffel für die Formalisten

Von der Öffentlichkeit nur wenig beachtet, hat das Bundesverfassungsgericht kürzlich eine seiner höchst seltenen Einstweiligen Anordnungen erlassen und damit 22 Medizinstudenten der Universität Freiburg die zumindest vorläufige Fortsetzung ihres Studiums ermöglicht.

Warnung vor Tellerminen

Peter Fischer-Appelt, der Präsident der Hamburger Universität, hält für das Problem ein anschauliches Bild parat: "Die Kapazität", so erläutert er die Frage, wieviel Platz und wieviel Personal denn tatsächlich in den Hochschulen verfügbar sind, sei "ein vermintes Gebiet; da muß man sehr aufpassen, daß man nicht auf eine Tellermine tritt".

Kunstkalender

Die Ausstellung, die im Zusammenhang mit den Berliner Theaterwochen in Bonn-Bad Godesberg gezeigt wird, soll nach den Worten von Senatoi Werner Stein die "Wiederentdeckung eines fast vergessenen Meisters" einleiten.

In Bayern ganz oben

Man mußte in die Provinz fahren für diese bedeutsame Erfahrung: Der deutsche Film stürmt unaufhaltsam vorwärts und läßt sich auch durch eine geschlossene Front von Profis nicht mehr einschüchtern.

So sieht’s aus in den Slums

Wahrscheinlich muß man Kenneth Loach heißen, über Loachs Intelligenz, Loachs sozialkritische Treffsicherheit und Loachs Fähigkeit verfügen: Gedanken atmosphärisch belegen zu können, um einem Thema wie diesem neue Aspekte abzugewinnen.

Filmtips

"Die Auslieferung" von Peter von Gunten. In melancholisch getönten, um Authentizität bemühten, gleichwohl aber streng durchkomponierten Bildern und Szenen stellt der erste Spielfilm des jungen Schweizer Regisseurs die Frage nach der Wirklichkeit der vielgerühmten Schweizer Asylpolitik: Als das zaristische Regime einen lukrativen Handelsvertrag anbietet, liefern die Eidgenossen den Anarchisten Njetschajew bedenkenlos aus.

Kollektive Träume

Die Studentenrevolten des Jahres 1968 haben weniger auf unsere soziale Realität eingewirkt als auf unsere geistige: Sie lenkten den Bücherstrom von der nun verachteten Literatur hin zu Psychologie und Soziologie.

Der betrogene Verräter

Vor fünf Jahren legte der Rowohlt Verlag zwei Pamphlete von Paul Nizan vor: "Aden" und "Die Wachhunde". Dem Band waren Dokumente zum "Fall Nizan" angefügt, das heißt zur Geschichte seiner postumen Diffamierung und späteren Rehabilitierung; denn Nizan, der 1940 im Alter von fünfunddreißig Jahren bei Dünkirchen gefallen ist, war 1927 der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten, hatte sie aber 1939 bei Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes verlassen, und als Antwort darauf hatte die KPF die – niemals bewiesene– Legende in Umlauf gesetzt, Nizan sei Polizeispitzel gewesen.

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