Von Margret Liede

Über 1,3 Millionen Lehrlinge zwischen 15 und 25 Jahren werden gegenwärtig in der Bundesrepublik im sogenannten dualen System ausgebildet. Der Betrieb, mit dem sie einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben, vermittelt ihnen die erste konkrete Begegnung mit der Arbeitswelt: manuelle Techniken, Materialkenntnisse, praktische und soziale Verhaltensweisen. Die Teilzeitberufsschule begleitet und ergänzt die betriebliche Unterweisung in entsprechenden theoretischen Fächern. Sie vermittelt darüber hinaus Allgemeinkenntnisse, die in den Betrieben nicht berücksichtigt werden können, wie umgekehrt die Schule bisher nur in wenigen Bereichen berufspraktische Tätigkeiten an Maschinen oder in Laboren nachvollzieht.

Durchaus ein harmonisches Konzept: Was der Lernort Betrieb nicht leisten kann, das wird vom Lernort Schule vermittelt; wo die Schule nicht mithält, da springt der Betrieb ein. Nur ist die Ausbildungspraxis heute trotz unstreitiger Verbesserungen in den letzten Jahren in vielen Fällen immer noch weit von dieser optimistischen Konzeption der dualen Ausbildung entfernt.

Da klagen Auszubildende darüber, daß sie kaum Gemeinsamkeiten entdecken können zwischen dem, was sie in der Schule lernen, und dem, was sie in der betrieblichen Unterweisung erfahren. Die Schule eilt der Praxis entweder weit voraus oder sie hinkt hinterdrein; im ungünstigsten Fall hat das, was man an beiden Lernorten vermittelt bekommt, insgesamt kaum etwas miteinander zu schaffen. Betriebe weisen darauf hin, daß seit einiger Zeit für bestimmte Ausbildungsberufe umfassende neue Ausbildungsordnungen vorliegen, an die sich zwar die Betriebe, nicht aber die Berufsschulen halten. Denn denen fehlen die entsprechenden Rahmenlehrpläne. Ausbildungsordnung und schulischer Lehrplan sind nun einmal hierzulande zwei Stiefel – der eine wird vom Bund, der andere von den Bundesländern besohlt. Das hängt mit der Kulturhoheit der Länder zusammen.

Und weitere Probleme im Spannungsfeld Schule–Betrieb: Auszubildende sollen, was vernünftig ist, entsprechend ihren Berufen in sogenannten Fachklassen zusammengefaßt werden. Vielfach aber sind die örtlich zuständigen Berufsschulen nicht in der Lage, Schülern aus nur gering besetzten Ausbildungsberufen entsprechende Klassen anzubieten. Man muß sie also entweder an Fachklassen in weit entfernten größeren Orten verweisen oder eben doch mit Auszubildenden aus anderen Fachrichtungen in einer Klasse zusammenpferchen. Welches ist das größere Übel?

Hinzu kommt, daß noch immer im Bundesdurchschnitt erheblich weniger Berufsschulstunden erteilt werden, als es die Mindestnormen vorsehen: So fallen etwa in Niedersachsen ‚25, in Nordrhein-Westfalen sogar 32 Prozent der Unterrichtsstunden wegen Lehrermangels aus. Und sind Lehrer vorhanden, fehlt es gelegentlich an Unterrichtsräumen. Noch immer ist außerdem das Ausbildungsgefälle zwischen den Betrieben beträchtlich. Auch gute Berufsschulen können die Versäumnisse schlechter Ausbildungsbetriebe nicht kompensieren. Und was wird aus den Auszubildenden, die auf Grund der neuen gesetzlichen Bestimmungen einen Teil ihrer Ausbildung in Berufsfachschulen absolvieren, wenn die dort erworbenen Kenntnisse dann nicht im Betrieb angerechnet werden?

Junge Industriekaufleute und Mechanikerlehrlinge beklagen das Fehlen einer vernünftigen Koordination der Ausbildungsinhalte an den beiden Lernorten: