Nicht oft hat das Wort eines Staatsmannes so viel Echo gehabt, wie ein Satz, den Giscard d’Estaing, der Präsident der französischen Republik, bei seiner Pressekonferenz im Oktober prägte: "Die Welt ist unglücklich."

– Doch, nein, man muß dies mittlerweile schon geflügelte Wort im Original zitieren: "Le monde est malheureux!" Es liegt ja wohl an der deutschen Vorliebe für Alliteration, daß wir hier den französischen Text vorziehen.

Was aber schon dem Publikum vor den Fernsehapparaten auffiel, ist nachher von den Zeitungen immer wieder ausdrücklich erwähnt worden: Der Staatsmann hat diese doch eigentlich mit dunklem Pathos beladenen Worte – und später fiel noch der Ausdruck "Katastrophe" – nicht mit schwerer wuchtig-ernster Stimme vorgetragen, wie dies doch wohl zu erwarten gewesen wäre. Giscard wandte vielmehr ein Parlando, einen Plauderton an und behielt diesen Verfremdungseffekt zwei Stunden hindurch bei. Dies ist, wie gesagt, allgemein bemerkt worden. Besonders die Journalisten zeigten sich sympathisch berührt. Offensichtlich verstanden sie sofort, daß eine Sache, die wirklich traurig ist, nicht durch deklamatorische Künste noch trauriger gemacht werden sollte.

Dies weckte in mir die Erinnerung an eines der vielen Gespräche mit den unvergeßlichen Freunden Ernst Rowohlt und Walther Kiaulehn. Es handelte, sich um Betrachtungen über die letzten Worte eines Mörders, der vor der Hinrichtung stand. Ihm war Papier und Schreibzeug gebracht worden: Da konnte der Delinquent, auf den der Henker schon wartete, seinen endgültigen Gedanken niederlegen. Das tat er dann auch.

Diese Niederschrift, die aus einem einzigen Satz bestand, wurde von Rowohlt so interpretiert, daß einem Menschen, der in einem spannenden Augenblick plötzlich zu einer Äußerung aufgefordert wird, nichts einfällt, es sei denn, am ehesten noch ein Spruch aus Kindertagen. Und Rowohlt erinnerte an die historische Begebenheit, da bei einem Besuch des deutschen Kaisers in einem Offizierskasino der jüngste Leutnant aufgefordert wurde, das Tischgebet zu sprechen. Der Leutnant schluckte ein paar Mal, faltete dann entschlossen die Hände und betete laut: "Ich bin noch klein, mein Herzchen ist rein..."

Kiaulehn fand diese Auslegung albern. Er legte die letzten Worte des Mörders im Berlin der zwanziger Jahre als ein Stil-Problem aus, als einen höchst absichtsvollen Verzicht auf das, was man normalerweise von einen solchen Manne in solchem Augenblick erwarten mußte, als eins bewußte Abkehr vom Pathos, als eine Selbstüberwindung, als ein Emporwachsen über sein eigenes Ego, kurzum: als etwas Unvergeßliches.

Ja, verdammt noch einmal: Was hat denn dieser Mörder als letztes Wort in seiner Zelle von Plötzensee niedergeschrieben, bevor er zum Henker geführt wurde?