Von Rolf Kunkel

Keiner, der sein Geld zählen muß, kann das begreifen: 10 Millionen Dollar für eine 24-Minuten-Prügelei. Muhammad Ali und George Foreman kassierten pro Minute mehr, als die meisten ihrer Zuschauer am Ring von Kinshasa zu Lebzeiten verdienen werden. Aber so war es immer: die Symbolfigur Ali (einst – nicht alias – Cassius Clay) machte stets mit den Fausten Politik und vergaß dabei seine Brieftasche nicht. Seine Vertragsabschlüsse waren immer auch ein Thema für das "Wall Street Journal", sein Charisma verhalf einer Legion von Boxern zum Entree in höhere Einkommensklassen. Foremans Börse wäre bei einem anderen Gegner um die Hälfte geringer gewesen, überhaupt: ohne Ali ist der Profiboxsport am Ende, mit seiner schillernden Figur hält er die Branche künstlich am Leben. Solang er im Business bleibt, werden die Kissen der Promoter und das Arsenal der Superlative nicht leer. Wirtschaftliche Überlegungen und der überraschende Kampfverlauf provozieren den Gedanken an einen "gefixten" Kampf, aber die ewige Mumie des Boxsports, genannt Manipulation, verweigert jede Auskunft.

Das Ereignis fand weit abseits aller Boxtraditionen statt: es war der erste Weltmeisterschaftskampf auf afrikanischem Boden und der erste Boxkampf, der total in den Dienst eines gigantischen Werbefeldzuges, für einen Staat, seinen Präsidenten und dessen Vision vom Aufstieg des schwarzen Mannes gestellt wurde. Mit dem Erhalt der Schecks wurden die Führer zu Gehilfen einer Ideologie, die sich Mobutismus nennt. Ali konnte es recht sein, er predigt ohnehin die Rückkehr seiner schwarzen afrikanischen Brüder ins Land ihrer Vater, mindestens aber einen separaten, unabhängigen Negerstaat in den USA Im übrigen waren die Boxer wegen des Geldes und nicht der Ideologie wegen gekommen. Amerikanische Veranstalter hatten bei 7,5 Millionen Dollar kalte Füße bekommen, Staatschef Mobuto sprang mit 11 Millionen Dollar inklusive Organisationskosten ein und transferierte den Kampf auf die politische Ebene. Die Idee einer Schweizer Public-relations-Agentur, zusammen mit einem schwarzen Promoter den Kampf in Zaire zu veranstalten, einem Land, das zum Boxen soviel Beziehung hat wie Hawaii zu olympischen Winterspielen, zeigt, daß die Tage der alten Matchmaker gezählt sind. Heute werden die Zahltage des Sports von der Allianz internationaler Finanzgruppen sowie prestige-bedürftiger Regierungen arrangiert. Die nächsten Termine: im Kolosseum von Rom; in der Wüste von Kuweit oder an Bord eines Luxusdampfers mitten auf dem Pazifik.

Daheim in den Schubladen lag dutzendfach fertiggeschrieben das "Requiem auf ein Schwergewicht", bevor der Pulk der Weltpresse hastig nach den Flugtickets griff, um dem Großmaul das publizistische Ehrengeleit zu geben. Die Sperrfrist war dem "Killer" Foreman an Hand gegeben, der das Urteil in einer bizarren Tropennacht mit seiner rechten Faust vollstrecken sollte.

Das es anders kam, ist Geschichte, die sich wiederholte. Zehn Jahre und acht Monate nach seinem Sieg über einen für schier unbezwingbar gehaltenen Sonny Liston konnte Ali ein zweites Mal seinen Lieblingssatz zitieren: Ich bin der Größte! Gegen Foreman half ihm nur der Kopf, nicht mehr die Kraft. Noch immer arbeitet sein Gehirn schneller als seine Fäuste, aber auch er kann der bestialischen Atmosphäre einer Ringschlacht nicht mehr den Blutgeruch nehmen. Ali triumphierte schließlich mit der Ökonomie seiner Bewegungen, mehr noch/mit unendlich viel in vierzehn Profijahren erworbener Technik und Routine – es ist das letzte, was ein Boxer lernt, und das letzte, was ihn wieder verläßt. Was übrigblieb von seinen Künsten genügte, um die Nacht von Zaire für Sekunden zu erhellen.

Jedesmal, wenn alles nach Foremans fürchterlichen Körperattacken einen ermüdeten Ali erwartete, dem die Kraft förmlich aus dem Leib geprügelt schien, wuchsen diesem Flügel, stand er auf wie ein Phönix aus der Asche und verteilte Lehrbuch-Doubletten, die den Titelträger von den Beinen rissen. Wie er kämpft, so ist er – komplex und zwiespältig wie eh. Man weiß nicht, woran man ist bei ihm, er läßt sich nicht ausrechnen, weder privat noch im Ring. Psychologen, Verhaltensforscher und eine globale Armee von Reportern haben es abwechselnd versucht – herausgekommen ist wenig mehr als die Tatsache, daß es mit Ali keine echte Konversation gibt. Wie die Wiege-Zeremonie degradiert er jedes persönliche Gespräch zu einer komischen Oper.

Nach diesem Comeback ist ihm ein Spitzenplatz in der pugilistischen Evergreenliste auf ewig sicher. Er könnte schon jetzt die mühsame Plackerei des Faustkampfes beenden, die Presse rufen, seine Banknoten und Besitztümer ausbreiten wie andere ihre Siegerpokale und den Journalisten keine andere Wahl lassen, als zu schreiben: Muhammad Ali war der am besten gemanagte, klügste, cleverste und erfolgreichste Fighter in der Geschichte des Boxsports. Und niemand wird widersprechen. Aber der Konflikt zwischen Geschäft und Glauben verursacht bei Ali einen Wackelkontakt, der nicht dadurch leichter zu beheben ist, daß sich die Millionenofferten vor seinen Augen stapeln: einerseits möchte er als Prediger des Islam durch die Lande ziehen, andererseits will er Geld scheffeln. Vielleicht hilft Allah seinem Diener aus der Klemme, denn dem Größten fehlt jetzt eigentlich nur noch eins, die Größe zum Rücktritt.