Henry Kissingers Reisediplomatie konzentriert sich seit Dienstag wieder auf den Nahen Osten. Unmittelbar nach Abschluß seiner Neun-Länder-Tour von Moskau über Neu Delhi bis Rom und nach einer Ansprache vor der Welternährungskonferenz flog er nach Kairo.

Am Vortag hatte der amerikanische Außenminister auf einer Pressekonferenz in Belgrad Araber und Israelis zu Kompromissen aufgefordert Beide Seiten müßten die spezifischer Notwendigkeiten des jeweils anderen begreifen und ihre Positionen einander annähern. Dabei Fortschritte zu erzielen, sei der Zweck seiner neuen Rundreise durch fünf Länder (Ägypten, Saudi-Arabien, Israel, Jordanien und Syrien).

Kissinger trifft eine veränderte politische Szenerie an, und sie ist auch der Grund seiner Eile. Die arabische Gipfelkonferenz in Rabat hatte in der Vorwoche die Palästinensische Befreiungsfront (PLO) unter Yassir Arafat entgegen den Erwartungen Washingtons einmütig zur alleinigen Vertretung der Palästinenser erklärt; erstmals hatte König Hussein von Jordanien seinen Widerstand dagegen aufgegeben.

Durch die Begegnung des französischen Außenministers Sauvagnargues mit Arafat in Beirut war der PLO-Führer zusätzlich diplomatisch aufgewertet worden. Zugleich hatte Israel nicht allein Sauvagnargues gegenüber bei dessen anschließendem Besuch in Israel offen seine Verstimmung gezeigt, sondern auch betont, Verhandlungen mit der PLO kämen keinesfalls in Frage.

Kissingers siebente Nahostreise steht somit vor anderen Gegebenheiten als noch die sechste vor drei Wochen. Mitte Oktober war er in der Erwartung abgereist, es werde auch bald israelisch-jordanische Verhandlungen über einen Teilrückzug aus Westjordanien geben. Jetzt sind die Palästinenser als neue politische Größe mit gesamtarabischem Einverständnis ins Spiel gebracht worden. Ein Interesse Husseins an Verhandlungen mit Israel ist kaum mehr vorhanden. In einem Interview mit der New York Times erklärte er, das Gebiet westlich des Jordan habe aufgehört, jordanisch zu sein.

Einer möglichen diplomatischen Umorientierung in Washington zugunsten der PLO, wie sie die halbamtliche Kairoer Zeitung Al Abram bereits andeutet, hat Israel sogleich einen Riegel vorzuschieben versucht: eine Änderung der Haltung Washingtons werde "zu einer israelisch-amerikanischen Konfrontation führen".