Späte Bekanntschaft mit programmatischen Schriften des Surrealismus

Von Marianne Kesting

Die Studentenrevolten des Jahres 1968 haben weniger auf unsere soziale Realität eingewirkt als auf unsere geistige: Sie lenkten den Bücherstrom von der nun verachteten Literatur hin zu Psychologie und Soziologie. Dies hatte einen ungeheuerlichen Niveauverlust im Literaturprogramm der Verlage zur Folge, denn offenbar waren einst die Studenten die Hauptadressaten dessen, was man als Literatur von Qualität bezeichnen kann.

Nachdem sich die Rauchschwaden über der Trümmerstätte verzogen haben, sieht man, daß die sozialistischen Revolten allerlei Kommerz zum Sprießen gebracht haben, und aus dem wuchernden Kraut von Wegwerfliteratur verschiedenster Observanz hebt sich nur hier und da noch Literarisches hervor; es wirkt als Kühnheit besonderer Art, ist umweht vom Hauch des Nostalgischen und begleitet von einer Art Verlagsheroismus: Die also wagen es noch? Zu solchen, die es noch wagen, gehört der Verlag Rogner & Bernhard, der sich sogar vorgenommen hat, auf deutscher Seite ein Kapitel mangelhafter Rezeption nachzuholen, die des literarischen Surrealismus.

Das Dritte Reich und der ihm nachfolgende geistige Provinzialismus bewirkten, daß der literarische Surrealismus nur von einigen Kennern aufgenommen wurde; er blieb selbst bei deutschen Intellektuellen ein berühmter Unbekannter und kommt nun mit einiger Verspätung zu uns als interessante, nicht mehr ganz so befremdliche Erscheinung. Seine Enkel in der Malerei werden mittlerweile diskutiert, in der deutschen Literatur aber hat er, soweit ich sehe, nur sehr spärliche Spuren hinterlassen. Dabei wäre es falsch, in ihm lediglich eine französische Erscheinung zu sehen, wie stark er auch literarisch auf französische Vorbilder zurückging, auf Lautreamont, Rimbaud, Jarry. Der Surrealismus ist einer der Hauptstränge moderner Ästhetik und damit eine internationale Erscheinung, deren programmatische Ausformulierung den Franzosen vorbehalten war. Hier warf sich vor allem André Breton zum Herrscher der Richtung auf, sammelte mit George-Gebärde seine Jünger um sich, verstieß einige wieder, lobte und verdammte – es war ein rechtes Durcheinander, das ein Abtrünniger, Raymond Queneau, in seinem Roman "Odile" ironisierte.

Wie immer man zu der Herrschergebärde Bretons stehen mag, wie grotesk zeitweilig seine politischen Illusionen waren, wie abstrus seine Verdammungen und Preisungen rechten ästhetischen Glaubens – die historische Leistung der surrealistischen Bewegung steht außer Frage. Was nun auf unserer trübselig gewordenen Literaturszene diese späte, allzu späte Bekanntschaft mit dem literarischen Surrealismus noch bewirkt, steht dahin. Freilich sind seine Probleme aktuell, so aktuell sogar, daß sie den genauen Überschneidungspunkt von Ästhetik, Psychologie und Soziologie bezeichnen. In dieser Hinsicht waren die Surrealisten Pioniere.

Das Normale wird suspekt