"Aufbruch vom Mittelalter", von Friedrich L. W. Schmidt. Bei Opern steht im Programmheft meist eine kurze Inhaltsangabe, die oft zum Lachen ist, denn das Handlungsskelett ist meistens ziemlich belanglos. Man stelle sich ein Buch vor, das die Methode "Inhaltsangabe" konsequent auf große Werke der Weltliteratur anwendet und vorgibt, damit schon zu gültigen literarischen und philosophischen Deutungen zu kommen. Dieses Buch gibt es. Auf 333 Seiten versucht Schmidt, das 16. Jahrhundert in seinem Wert "als erste volle Ausprägung des Irrationalismus, der gefühlsmäßigen Erfassung der Gottheit, der Welt, des Menschen und seines Daseins, der Geschichte", darzustellen – und tut dies, indem es die Werke von Hieronymus Bosch, Breughel, Cervantes, Marlowe, Holbein, Dürer, Grünewald, Luther, Machiavelli, Montaigne, Bacon, Bruno, Spinoza, da Vinci, Michelangelo, Rembrandt und vielen anderen, sehr kurzgefaßt, die von Shakespeare etwas ausführlicher, in ihrer chronologischen Folge hintereinander nacherzählt. Nichts weiter, außer ein paar Seiten zusammenfassenden Vor- und Nachworts, wo Themen und Stoffe aufgezählt werden. Über die Qualität dieses Buches ist weiter wohl nichts zu sagen, wohl aber über die Qualität der darin abgehandelten Werke und Meister: Erstaunlicherweise können sie trotz dieser schnöden Behandlung ihre Größe durchweg behaupten. Noch im Skelett der Nacherzählung sind "Don Quichote" und "Hamlet", um nur zwei Beispiele zu nennen, genialisch – und zu lesen. Das allerdings ist keineswegs Verdienst des Autors; sein schriftstellerischer Drang läßt sich am besten als pädagogischer Informationseifer bezeichnen. Von den künstlerischen – also wesentlichen – Aspekten der behandelten Werke ist kaum einmal die Rede und wenn, dann nur zufällig. (Kräfte und Gestalten im Jahrhundert Shakespeares; Carl Schünemann Verlag, Bremen, 1974; 337 S., 24,– DM.) Gertrud Mander

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"Bei Tag", Gedichte von Ludwig Greve. Der immer noch kaum bekannte Autor ist fünfzig Jahre alt. Nach seinem ersten Band von 1961 veröffentlicht er jetzt zwanzig neue Gedichte. "Noch ist Tag, sein Hauch bewölkt den kalten Spiegel, er ruft sein Bild aus der Tiefe / und lautlos antwortet Schnee, / rieseln Flocken, geistern im Rauch/wie schöner Tage Asche,/..." Jedes Wort ist auf der Goldwaage gewogen. Greve hat sich, wie Bobrowski, an Klopstock geschult. Aus der Oden-Form entwickelt er neue freiere Verse und Strophen. Die Form bleibt als Erwartung wirksam und intensiviert die Wörter. Gedankliches tritt zurück: Das Sinnliche ist vergeistigt. Der Lebenskreis um Stuttgart, Jahreszeitliches, die Begegnung mit einer Doppelgängerin der Tochter, sind sprachlich verwandelt. Eine Nordseelandschaft wird neu und vom Süden her gesehen. Die Gedichte sind stark und ausgeruht, von einer sinnlichen und auch melancholischen Prägnanz. Der Band ist ein Ereignis. Am interessantesten sind die letzten, mehrschichtig durchbrochenen Alltagsgedichte. Das schönste die Klage um den Vater: "Dein Aug, die Stirne, Tafel vom Sinai, / der Nase starker Bogen – ich sehe nichts / und halte Nase, Stirn und deine / Bitternis doch in den hohlen Händen." (Marbacher Schriften 7; in Kommission bei Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1974; 53 S., 10,– DM.) Uwe Pörksen