Von Manfred Sack

Wie laut sie auch darüber nachdachten, ob das Kabarett tot sei "und nur noch die Autopsie braucht" oder bloß scheintot und auf seine Wiederbelebung lauernd: die zwei adretten Herren auf der Bühne, Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, wußten, daß inzwischen "ja etwas weit Komischeres erfunden worden" ist als das Kabarett, nämlich die Talk-Show, "dieses Vehikel für Kommunikation" im Fernsehen, "diesem Präservativ der Realität".

Zwar sei diese Art, Unterhaltungen zu arrangieren, eigentlich so uralt wie unsere Zeitrechnung, reiche "vom Abendmahl bis zum Frühschoppen, von Jesus bis zu Höfer" und sei durch die treibende Kraft der "Rampengeilheit" nur neu entdeckt worden; sie ist, das muß man getreulich hinzufügen, auch eine ungemein billige Veranstaltung für das Fernsehen. Jedoch wäre es gewiß eine komische Unterlassung gewesen, wenn das Kabarett den Amerika-Import nicht als Chance begriffen hätte: Es wickelte sich rasch aus seinem Leichenhemd, warf sich das Gewand der Talk-Show über und spielt nun Auferstehung. "Talk täglich" heißt der Titel, unter dem die zwei Münchner (mit Christine Schuberth und dem Pianisten Walter Kabel) damit zur Zeit durch die Städte ziehen.

Wen wundert es, daß gleich nach den Fernsehleuten die Kabarettleute nach der Talk-Show langten? Und wundert es wen, daß die Fernsehleute wiederum sogleich die Kabarettleute mit ihren Parodien engagierten? Also werden die Lacher und Schießer am 8. November um halb zehn mit ihrem Programm im ZDF erscheinen, und so wird am 13. November um dreiviertel zehn die ARD Loriots torkelnde Talk-Show (vom Stuttgarter Sender) präsentieren. Eigentlich war, umgekehrt, die zweite Sendung die erste und überhaupt erst Anlaß für die schnelle Gegenreaktion der ZDF-Konkurrenz auf Loriot. Und der, über den Querschuß eher amüsiert, war die vorverlegte Replik des ZDF wohl wert: Er ist wieder da!

Die Pause, die er nach zweiundzwanzig "Cartoon"-Sendungen in acht Jahren für notwendig erachtet hatte, hat fast zwei Jahre gedauert; sie ist seinem zahlreichen Publikum (zwischen dreißig und achtzig Prozent der Fernsehzuschauer) sehr lang geworden, hier wie in der DDR (wo man seine Filme nicht kaufen wollte, weil sie dort sowieso gesehen würden).

Er kommt also, doch fürs erste nur einmal. Er brauche, sagt er, zeitliche Distanz, um ein Urteil über seine Arbeit zu finden. Denn diesmal ist es schwieriger als bisher. "Cartoon" war ein Ding für sich – was er jetzt macht, ist die Parodie einer Form (der Talk-Show), die wiederum das Gefäß ist, in dem er Parodien ansetzt. Anders gesagt: Der Humorist wie die Kabarettisten benutzen die Talk-Show "als Vehikel".