Berlin‚ im November

Wer will es den Westberlinern verübeln, wenn sie sich vor jedem Grenzübertritt in die DDR unbehaglich fühlen und schließlich froh sind, wieder westlichen Boden unter den Füßen zu haben. Zu oft sind sie schikaniert worden. Und vermutlich war das der Grund dafür, daß die Fachleute bei den Verhandlungen um die Besuchsregelungen nur mit monatlich etwa 50 000 Besuchern rechneten, die von der Möglichkeit Gebrauch machen würden, nach drüben zu fahren. Tatsächlich aber fahren viel mehr. Auch nach der Erhöhung des Mindestumtausches vor einem Jahr fuhren in den Sommermonaten fast regelmäßig 180 000 Besucher in den anderen Teil der Stadt oder in die Umgebung. Letztlich war die Sehnsucht stärker, auch mal, wie die Bewohner normaler. Städte, "ins Grüne" zu fahren, als der Widerwille gegen den Staat DDR, vor allem gegen seine sogenannten "Organe". Wenn nicht alles täuscht, wird das Unbehagen bei Grenzübergängen immer, selbstverständlicher akzeptiert, wenn man dafür die beschränkte Normalität eines kurzen Ausflugs einhandelt.

Bei vielen ist es sogar "in", Ostberlin oder die DDR zu besuchen. Da treffen sich Architekten mit ihren Ostberliner Kollegen, da angeln Westberliner Ärzte an mecklenburgischen Seen, oder da wanderten Juristen zum Vatertag durch die märkische Heide. Schon überlegen viele, wie schön es wäre, mit dem Segelboot vom überfüllten Wannsee auf einen der stillen Seen in der Umgebung auszuweichen, oder wie man die Bauern in den nahen Dörfern dazu bewegen könnte, ein paar Ponys zu halten, damit auch die Westberliner Kinder bei DDR-Ausflügen auf ihre Kosten kommen.

Für viele waren erster Anstoß für DDR-Reisen sicherlich die zu besuchenden Verwandten, wie zum Beispiel für den Biologie-Professor, der gleich, nach dem die Besuchsregelung in Kraft getreten war, dreimal kurz hintereinander mit Frau und Söhnen zur Verwandtschaft nach Halle fuhr. "Das Schönste aber waren die Burgen, die am Wege lagen", sagt seine Frau. Andere trieb die Erinnerung in die DDR. Sie fuhren in Orte, in denen sie als Kinder gespielt hatten, prüften, ob es bestimmte Häuser und Straßen noch gab, klingelten bei alten Nachbarn und besuchten Freunde, mit denen sie dieselbe Schulbank gedrückt hatten. Doch auch jene, die nicht die verlorene Kindheit lockte, fuhren. "Für mich ist Berlin größer geworden", sagt die Westfälin, die zu einer Zeit nach Berlin geheiratet hat, als man hier schon eingesperrt war. Sie sagt: "Jetzt sind wir draußen", wenn sie die Grenze zur DDR überschritten hat, und ihr Mann, der gebürtige Westberliner, korrigiert sie: "Nein, jetzt sind wir drin."

"Wir mußten uns erst Lust machen lassen, von Freunden", erinnert sich eine Photographin. Die Freunde, die ihnen Lust machten, nahmen als erstes Ziel den Spreewald. Mit ausdrücklicher Billigung der DDR-Grenzbeamten führten sie als Reiseführer Fontane mit; nicht nur sie wandeln auf den Spuren dieses Altmeisters des Wanderns durch die Mark und haken begeistert ab, was heute noch stimmt: "Wir hatten Hunger, und bei Fontane steht, daß es in Lübbenau ein Restaurant mit Namen ‚Zum fröhlichen Hecht‘ gibt. Also fragten wir danach. Es heißt heute ‚HO Zum fröhlichen Hecht‘! (HO gleich Handelsorganisation). In der Wuthenower Kirche findet man das Bild, das Fontane beschrieb, und in Gransee das von ihm erwähnte Denkmal: ‚Dieser eiserne Sarg, als Erinnerung, daß Königin Luise da mal als Leichnam übernachtet hat.‘"

Auch für das Vorstandsmitglied eines Westberliner Chemiekonzerns ist Fontane Reisebegleiter. "Doch richtig begeistert habe ich mich an ganz anderen kleinen Orten, die Fontane gar nicht erwähnt hat. Ich meine, man macht da eben auch seine eigenen Entdeckungen." Entdeckungen wie diese: "Wir waren in so einem kleinen, verschlafenen Ort und haben da einen Jugendlichen gefragt, wo wir essen könnten. ‚Die Einigkeit hat heute Ruhetag‘, hat er zu uns gesagt, und wissen Sie, was er damit meinte? Das Restaurant am Ort mit Namen ‚Einigkeit‘ hat heute geschlossen!"

Beliebteste Reiseziele sind Spreewald, Rheinsberg, Werder, Sanssouci und der Scharmützelsee. Immerhin – die Reisen von Westberlinern in die DDR hatten nach der Erhöhung des Mindestumtausches wirklich abgenommen, um 30 Prozent bei Tagesreisen, um die Hälfte bei Mehrtagesreisen. Ob sich nach der Verringerung des Tagesumtausches ab 15. November dieses Jahres (bei Reisen in die DDR statt täglich 20 Mark 13,50 Mark – bei Tagesreisen nach Ostberlin 6,50 Mark statt bisher 10 Mark) daran viel ändert, wird sich zeigen. Besonders die finanziell schwächer gestellten Westberliner nehmen der DDR übel, daß sie, die sich "sozialistisch" nennt, gegen sie handelte, als sie den Tagesumtausch erhöhte. Sie sind unzufrieden, weil sie nicht auf den alten Stand zurückging: 10 Mark für die DDR, 5 Mark für Ostberlin, freie Einreise für Rentner.