Der Überschwemmungskatastrophe im größten Delta der Welt ist der Hunger gefolgt. In Bangla Desh sterben jetzt durchschnittlich tausend Menschen täglich an Nahrungsmangel. Viele andere, so erklären die Ärzte – vor allem Kinder – werden nur mit bleibenden Schäden überleben. Am schwersten getroffen ist die nördliche Provinz Rangpur, wo der größte Teil der Reisernte von der Hochflut weggespült wurde.

Bangla Desh, auf der Skala der armen Länder wegen seiner Bevölkerungsdichte (75 Millionen) wahrscheinlich am untersten Ende, ist das "Opfer unvorstellbaren Elends", wie Ministerpräsident Mudschibur Rahman dem amerikanischen Außenminister Kissinger am Donnerstag vergangener Woche bei dessen Besuch in Dacca versicherte. Kissinger versprach 100 000 Tonnen Weizen aus den Vereinigten Staaten.

Die gleiche Menge sagte er Pakistan zu, während Indien keine festen Versprechen erhielt, weil Washington Rücksicht auf indische Empfindlichkeiten nimmt. Doch ist nach Andeutungen Kissingers mit Lieferungen in der Größenordnung von einer Million Tonnen Weizen zu rechnen.

Zum selben Zeitpunkt hat der Tschad weitere amerikanische Nahrungshilfe verweigert. Es war die Reaktion auf einen Artikel der New York Times wonach Personen, "die der nationalen Regierung nahestehen", in der nordafrikanischen Republik von den Lieferungen persönlich profitiert oder Korruption geduldet hätten. Die Luftbrücke mußte sofort eingestellt werden. Ein Verwaltungsbeamter des Tschad sagte über seinen Präsidenten Tombalbaye: "Er fühlt sich beleidigt. Wenn die Annahme von Nahrungshilfe die Annahme von Kränkungen bedeutet, so möchte er lieber ohne Hilfe auskommen."

Trotz des verletzlichen Selbstbewußtseins, das die Vereinigten Staaten als Hauptweizenreservoir gleich in zwei Staaten zu spüren bekommen, ist Getreide das erlösende Wort im breiten Hungergürtel der Welt, von Bolivien über die Sahelzone bis nach Südasien. Doch die Welternährungskonferenz der Vereinten Nationen, die am Dienstag in Rom begann, steht vor dem Dilemma der weltweiten Verknappung an Korn. Während die Bevölkerungszahl gerade in den armen Ländern beängstigend wächst, sind die Weltvorräte an Weizen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Sie betragen zur Zeit nur 22 Millionen Tonnen.

Zum erstenmal soll jetzt eine globale Strategie für den Kampf gegen den Hunger entwickelt werden. Industriestaaten, Entwicklungsländer und übernationale Organisationen sollen in gemeinsamer Anstrengung der Katastrophe vorbeugen. Ohne eine entscheidende Steigerung der Agrarproduktion und der finanziellen Leistungen, ohne ein weltweites Informationssystem und eine verbesserte Vorratswirtschaft wird die Katastrophe, so ist man in Rom überzeugt, für eine halbe Milliarde Menschen unausbleiblich sein.

Die Welternährungsorganisation (FAO) schätzt, daß die Nahrungsmittelerzeugung in hundert Entwicklungsstaaten in den nächsten zehn Jahren um 35 bis 40 Prozent gesteigert werden müßte. Dafür seien jährlich rund fünf Milliarden Dollar erforderlich.