Olympia in Moskau. Hoffnung und Sorge mischen sich bei den Freunden des olympischen Sports. Nach 1936 geht damit zum erstenmal wieder ein ideologisch eingefärbtes Fest der Jugend der Welt über die Bühne. Wird das Moskauer Publikum sich "olympisch" verhalten oder aber dem Chauvinismus wie bei den Studentenweltspielen die Zügel schießen lassen? Beim Europacup der Leichtathleten konnte ich in Kiew einige Kostproben genießen. Zuschauer, die wie dort in begeisterten Beifall ausbrachen, wenn zum Beispiel ein Stabhochspringer der Konkurrenten die Latte reißt, disqualifizieren sich selbst.

Aber wie war es überhaupt mit dem olympischen Publikum bisher bestellt? Achtmal konnte ich es erleben und beurteilen.

1928 Amsterdam. Die Deutschen durften zum erstenmal seit 1912 wieder teilnehmen. In Antwerpen 1920 und Paris 1924 waren sie noch ausgeschlossen. Es gab keinerlei Unfreundlichkeiten gegen unsere Athleten. Hinter den einzelnen Mannschaften standen starke Trupps von Fans, würde man heute sagen, die ihre Lieblinge lautstark anfeuerten, Schlachtrufe waren populär. Ray – Ray – Ray – USA – AMERICA riefen die Amerikaner skandierend im Chor. Das Ra – Ra – Ra – Germania schien dagegen nicht so ganz gelungen. Einen Olympiaschlager gab es auch schon, der Text, wie meistens bei Sportliedern, recht naiv. Heute wird er mit abgewandeltem Wortlaut noch bei den Fußballspielen von Ajax Amsterdam gesungen: "Jungs setzt das beste Beinchen vor ..."

Gepfiffen wurde nur einmal, als zwei der drei vorgesehenen Starter jämmerlich versagten und der Bayer Franzel Miller mit souveräner Bierruhe die Situation retten mußte.

Vier Jahre später in Los Angeles schoß Miller, zum "Weltstarter" avanciert, allein mit großer Meisterschaft. In Kalifornien im Colosseum waren bei der Eröffnungsfeier bei strahlender Sonne 100 000 begeisterte Menschen versammelt. Los Angeles, das damals erst 1 1/2 Millionen Einwohner hatte, die aber schon eine halbe Million Autos besaßen, schien in einem hektischen Fieber. Die Autogrammjäger – in Europa noch fast unbekannt – waren eine Plage. Die großen Filmstars, die sich im Stadion zeigten, gaben wie Tausende anderer Partys unter Palmen und waren stolz, Olympiateilnehmer präsentieren zu können. Ein solches Ausmaß an Gastfreundschaft hat es bei Olympischen Spielen wohl nie wieder gegeben. Wenn das Geld für ein Fest wegen der Wirtschaftskrise nicht reichte, lud man wenigstens ein oder zwei ausländische Athleten zu einer Rundfahrt durch halb Kalifornien ein. Besondere Attraktion: Das damals noch verbotene Bier.

Die Spiele 1936 in Berlin fanden unter einem Wald von Hakenkreuzfahnen statt. Aber das Publikum war besser als sein Ruf. Viele Aktive hatten sich die Reise nach Berlin zusammengespart und bildeten eine sehr sachverständige "Kulisse", die es auch nicht an Objektivität fehlen ließ. Ein amerikanischer Neger war der Liebling der Zuschauer und der gefeierte Held der Zehnten Olympischen Spiele: Jesse Owens, vierfacher Olympiasieger. Lutz Long, der ihm im Weitsprung erst nach einem erregenden Duell unterlegen war, ließ sich demonstrativ Arm in Arm mit Owens photographieren. Sportlicher Geist triumphierte im Stadion bei den Kämpfen noch über Rassismus.