Von Walter Pause

Gute zwanzig Autominuten von Chur und damit von der Autobahn Chur-Zürich entfernt – aber schon gute 900 m höher als das Rheintal – liegt die Skistation Lenzerheide direkt an der großen Julierstraße vom Norden ins Engadin. Früher schaute der durchreisende Pistenfreund mit wohlwollenden Seitenblicken auf die einladenden Osthänge des Piz Scalottas – und trat wieder auf den Gashebel. Seit einigen Jahren haben die vorzüglich ausgebauten Pistenregionen unter Stätzerhorn und Parpaner Rothorn die Durchfahrt zu einer großen Versuchung gemacht: auch wenn Corvatsch, Piz Nair und Lagalb locken, die Rothorn-Abfahrt mit ihren 1365 m Höhenunterschied läßt viele Skifahrer kapitulieren, sie treten auf die Bremse und bleiben. Noch keiner hat es bereut.

Manch einen könnte auch der Lärm der Durchgangsstraße abhalten, aber wenn man näher hinsieht, gewahrt man, daß die Initiatoren der Skistation die meisten Hotels, Chalets und Kinderheime in der Parklandschaft der Paßsenke versteckt haben. Damit ist ein augenscheinlicher Nachteil ziemlich ausgeglichen. Um dem unvermeidbaren Wochenendverkehr zu begegnen, hat man in Lenzerheide drei Skiregionen sehr gut ausgebaut und neuerdings auch ideal koordiniert. Querverbindungen sind nicht mehr nur zwischen Piz-Scalottas-Region und Stätzerhorn möglich. Andererseits werden an Scalottas und Stätzerhorn reine Osthänge geboten, im Bereich des Parpaner Rothorns aber Westhänge; da wechselt man ganz logisch mittags von den Osthängen auf die Westhänge.

Unsere Karte erklärt Ergiebigkeit und Charakter der drei Pistenregionen über Lenzerheide. Das Alpgelände unterm Piz Scalottas vermittelt durch drei hintereinander gestaffelte Lifte Abfahrten zwischen 2320 und 1450 m, darunter eine Rennstrecke; die Schwierigkeitsgrade aller acht Pisten sind stark variiert, die meist relativ flachen Osthänge erlauben bei 900 m Höhendifferenz alle Freuden, die dem "Fortgeschrittenen" offen stehen. Aber schon im zweiten Bereich unterm Stätzerhorn, über Valbella-Parpan (und Churwalden) werden höhere Ansprüche gestellt und größere Genüsse geboten: hier ist alles steiler, und die sieben Lifte (den von Churwalden eingerechnet) zwischen 1230 und 2390 m bieten bereits bis 1160 m Höhendifferenz auf Ost-, aber auch auf Nordost- und sogar Nordhängen. Natürlich gibt es hier wie dort riesige Übungsfelder für den ewigen Anfänger.

Den großen Trumpf von Lenzerheide spielt heute freilich die dritte Region mit dem Parpaner Rothorn aus: 1365 m Höhendifferenz (zwischen 2865 und 1500 m), im ersten Drittel Nord-, dann Westhänge, steile und flachere Strecken raffiniert gemischt. Da läßt man sich von der Gipfelstation erst durch drei Prachtmulden treiben, ehe man in einem Tunnel das Gredigsfürkli gefahrlos überschreitet und in die fast unabsehbare Riesenflanke zwischen Gredigsfürkli und Alp Scharmoin einfährt.

Aber mehr noch: Weil sich Lenzerheide binnen weniger Jahre von 9700 (1968) auf heute 19 400 Personen (Kapazität aller Lifte je Stunde) gesteigert hat – womit es Verbier, Zermatt, Flims und Grindelwald überflügelte –, haben die beiden Hauptflanken ihre Idealhänge in staunenswerter Weise verdichtet. Kommt man vom Rothorn über das Gredigsfürkli in die riesige, noch 1968 abenteuerlich einsame Westflanke, dann warten heute dort neben Heimberg- (502 m Höhenunterschied) und Scharmoinlift (450 m Höhenunterschied) weitere drei Lifte. Da muß man in der Riesenabfahrt nicht mehr zur Mittelstation Scharmoin zielen, sondern auf Weißhorn- und Schwarzhornlift und ist geschwind 774 m höher unterm Urdenfürkli. Wobei man heute schon einplanen darf, daß dort demnächst der Lift-Übergang durchs oberste Urdental zum Aroser Hörnli und dessen Liftezirkus möglich ist. Höher geht’s wirklich nicht mehr.

Drüben auf der Gegenseite zwischen Piz Scalottas und Stätzerhorn hat man nämlich eine peinliche Lücke gefunden, die unbedingt auch Geld bringen sollte, hat also unter den bislang unbekannten Piz Danis zwei neue Lifte eingespannt mit sympathischen 440 und 324 Höhenmeter; zwei andere haben sich den Stätzer Sattel als Ziel ausgesucht. Daß die Kabinenbahn zum Parpaner Rothorn mit ihren 1365 m Höhendifferenz eine Parallelbahn mit 150-Mann-Kabinen bekommen soll, ist so erfreulich wie es nötig war. Sie soll "die größte Bahn der Alpen" werden, aber das könnte unschweizerisch übertrieben sein warten wir es ab.