Von Gerhard Zwoch

Um die Jahrhundertwende war Friedrich Naumann der strahlende Stern am politischen Himmel des wilhelminischen Deutschland. Vor allem die suchende studentische Generation der Jahre 1900 bis 1905 wurde von Naumanns Ideen angezogen: Dynamische deutsche Welt(macht)politik auf der Grundlage des innenpolitischen Ausgleichs und eines erneuerten, sozialen Liberalismus.

Für diese Politik engagierte sich unmittelbar nach dem Studium der Nationalökonomie in Marburg Dr. Rudolf Breitscheid als Journalist und Redner. Seine politische Orientierung war beinahe schon exemplarisch. Theodor Heuss hat auf typische Gemeinsamkeiten des jungen Breitscheid mit einem Politiker hingewiesen, der zwei Jahrzehnte später im Reichstag Breitscheids politischen Weg kreuzte und mit dem dieser eine entscheidende Wegstrecke der deutschen Außenpolitik gemeinsam ging – mit Gustav Stresemann.

Beide – Breitscheid wie Stresemann – kamen aus kleinbürgerlichem Hause. Beide waren unter Opfern des Elternhauses Studenten und Burschenschaftler geworden, avancierten durch Rednergabe und Begeisterungsfähigkeit rasch zum Verbindungssprecher und hörten als Studenten der Staatswissenschaften bei einem der historischen Schule angehörenden Lehrer. Beide waren von den Ideen Friedrich Naumanns angezogen und suchten bei ihm ihre politischen Anfänge.

Während aber Stresemann sich den Nationalliberalen zuwandte, blieb Breitscheid dem Nationalsozialen Verein und der Freisinnigen Vereinigung als Parteijournalist und gesuchter Versammlungsredner verbunden. In seinen "Erinnerungen" hat Theodor Heuss den jungen Breitscheid als einen Mann beschrieben, der "durch die vollkommene Sicherheit seiner rednerischen Diktion eine unbestrittene Mitte unter uns Jüngeren bildete" ... "Der überschlanke Mann war eine höchst eindrucksvolle Erscheinung, als Redner bewundert und gefürchtet, nie sich verhaspelnd, Satz für Satz druckfertig, völlig rational argumentierend, mit einer gepflegten Begabung zum kühlen sarkastischen Hohn. Ich habe wenige Menschen gekannt von solcher, oft genug unbehaglicher, dauernder Bewußtheit."

In diesen Berliner Jahren lernte Breitscheid die Szene des Reichstages kennen – als ständiger Besucher auf der Pressetribüne und als "Lobbyist" der Freisinnigen Vereinigung. Das Parlament übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Breitscheid aus; das Reichstagsmandat wurde sein großes, fast existentielles Ziel. Der erste Griff nach dem begehrten Mandat allerdings scheiterte gründlich. Im pommerschen Wahlkreis Pyritz-Saatzing unterlag Breitscheid dem konservativen Kandidaten. Der Weg in den Reichstag wurde lang.

Der "Bülow-Block", jenes aus den Wahlen von 1907 hervorgegangene lockere Regierungsbündnis aus Konservativen, Nationalliberalen und Linksliberalen, wurde zum Prüfstein für den Reformliberalismus. Während Friedrich Naumann dieses Bündnis für nützlich hielt, wollten Barth und Breitscheid "los vom Block" und propagierten das Zusammengehen mit den Sozialdemokraten.