Von Sepp Binder

Zum erstenmal traf ich ihn im April 1968. In den Wirren der Studentenrevolte wagte er sich am Ostermontag auf den Campus der Universität. Und während dieübrigen Politiker jeglicher Couleur zunächst abwartend auf Distanz gingen, bahnte sich der stellvertretende Vorsitzende der Hamburger Jungsozialisten den Weg durch die Demonstranten und redete ihnen ins Gewissen. "Keine leichte Sache", sagte er, ehe er zum Megaphon griff.

Als seine Wahl zum Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg feststand, dämpfte er die Freude seiner Freunde: "Ein schweres Amt. Was ich brauche, ist vor allem eine große Portion Glück."

Hans-Ulrich Kose hat sich vor risikoreichen Aufgaben nie gedrückt. An Glück hat es ihm bisher nie gefehlt. Jetzt wird er mit 37 Jahren der jüngste deutsche Regierungschef, der jüngste Hamburger Bürgermeister seit 1678. Mit hanseatischem Understatement meinte er: "Für die Rolle eines Landesvaters bin ich ein bißchen jung." Wird es ihm gelingen, die Hamburger SPD aus der Talsohle herauszuführen?

Aus den Bürgerschaftswahlen vom März dieses Jahres ging der jetzt zurückgetretene Senatspräses Peter Schulz schwer angeschlagen hervor. Die Sozialdemokraten waren auf 44,9 Prozent zurückgefallen, die Hypothek des Stimmenverlustes von 10,4 Prozent hatte zunächst der Spitzenkandidat zu übernehmen. Für ihn hatten sich die Schuhe des früheren Bürgermeisters, Professor Herbert Weichmanns, als zu groß erwiesen. Der ebenso glück- wie glanzlose Regierungschef schaffte es in drei Jahren nicht, Profil nach außen und Rückhalt im Senat und in der Bürgerschaft zu gewinnen. Fleißig im Detail, wo es etwa um Kinderwagen-Stellplätze in Mütterberatungsstellen oder um den Ausbau einer vierspurigen Straße ging, gelang ihm dennoch nicht der große Wurf einer hamburgischen Stadtpolitik für morgen. Der Senat fühlte sich zuletzt von dem primus inter pares nicht mehr geführt und motiviert. Unter lauter Ersten war Schulz nur Zweiter. Wie das 1,4-Milliarden-Loch im Stadtsäckel in den nächsten vier Jahren gestopft werden kann – darüber herrschte unter den Senatoren noch in der vorigen Woche eine babylonische Sprachverwirrung.

Auch die SPD wurde gegenüber ihrem schwachen Bürgermeister immer aufmüpfiger. Zwei Landesparteitage brachten dem Rathaus-Chef seine Senatorenliste durcheinander. In der Auslegung des Extremistenbeschlusses, in der Reaktion auf SPD-Positionspapiere und auf Helmut Schmidts Genossen-Philippika zeigte Peter Schulz wenig sichtbares Engagement. Die Partei verstand dies als Führungsschwäche.

Hans-Ulrich Klose hat einen besseren Start als sein Vorgänger. Er folgt nicht unmittelbar auf die überragende Vaterfigur Weichmann, er ist kein Kompromißkandidat wie Schulz und er hat, in diesem Herbst mit höchster Stimmenzahl zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt, das Vertrauen der SPD. Seit Kriegsende wurde kein Nachfolger im Bürgermeisteramt so rasch gekürt. Rasch und scheinbar reibungslos war auch bisher seine Karriere. Im April 1972 wurde er zum SPD-Fraktionsvorsitzenden gewählt, im Oktober 1973 kam die Ernennung zum Innensenator – für ihn überraschend: Er wollte lieber noch länger das Hamburger Parlament durch seine Arbeit stärken. Jetzt hätte er noch gern für einige Jahre "Senatserfahrung" gesammelt.