Von Jürg Moser

Vor vollen Zuschauertribünen und in Anwesenheit internationaler Pressevertreter fand am 24. Oktober in Basel die Hauptverhandlung in dem Prozeß gegen den Lyriker Frank Geerk statt. Er war angeklagt, mit zweien seiner Gedichte gegen die Glaubens- und Kultusfreiheit verstoßen zu haben. Als sich das Basler Strafgericht nach mehrstündiger Verhandlung zur Beratung zurückzog, war jedermann überzeugt, es werde zu einem Freispruch kommen. Zwar erklärte einige Stunden später das Gericht den Angeklagten, "in dubio pro reo", auch für unschuldig, erlegte ihm aber die Gerichtskosten auf, da er den Prozeß verursacht habe. Die Urteilsbegründung gipfelte in der wohlwollenden Feststellung des Präsidenten: "Früher hätte man Herrn Geerk auf einem Scheiterhaufen verbrannt" – inzwischen sei man aber liberaler geworden, weswegen man ihn als "Zweifelsfall" freisprechen könne.

Dies ist die vorläufig letzte Etappe einer Auseinandersetzung um Geerks zwei Gedichte "Geistlicher Brief" und "Jürgen Bartsch feiert Weihnachten". Sie hatte vor anderthalb Jahren begonnen, als der Redakteur eines Basler Lokalinserentenblattes Geerks Gedichte den Literaturzeitschriften "Prothese" und "Poesie" entnommen und mit dem Hinweis abgedruckt hatte, es handle sich hier um Gotteslästerung, man solle den Autor gefälligst verklagen. Empörte Leserbriefe folgten: "Umweltverschmutzer von solchem Format sollte die Humanistenstadt Basel keinen Tag länger in ihren Mauern dulden!" Oder: "Dieses Gedicht ist das Machwerk eines übergeschnappten Zynikers, Pamphletisten und Provokateurs!" Die Hexenjagd war eröffnet. Frank Geerk erhielt anonyme Telephonanrufe, Drohbriefe, schließlich die erste Morddrohung.

Eine neue Flut von Leserbriefen wurde durch einen Artikel in den "Basler Nachrichten" ausgelöst, in dem der Schriftsteller Martin Roda Becher eine Gegeninterpretation vorbrachte: In dem Gedicht "Geistlicher Brief" gehe es um die Hinrichtung des Menschen durch die modernen Zivilisationsmechanismen.

Diese Interpretation wollten indes jene, die es offenbar schon von Anfang an auf eine Art Schauprozeß abgesehen hatten, nicht akzeptieren. Anfang dieses Jahres erhielt Frank Geerk eine Vorladung zur Vernehmung bei der Basler Staatsanwaltschaft. Sie dauerte fast einen ganzen Tag. Er hatte sich wegen zweierlei zu verantworten: Erstens wurde er "obszöner Veröffentlichungen", zweitens "der Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit" beschuldigt. Der Kläger war der Schweizer Nationalrat Albin Breitenmoser, ein Angehöriger der katholisch-konservativen Partei.

Die Interpretationshilfen, die Geerk während seiner Vernehmung der Staatsanwaltschaft leistete, führten dazu, daß man das erste Verfahren fallen ließ. Das zweite Verfahren führte zu einer Anklageschrift, die mit den Worten endete: "Durch sein Verhalten hat der Angeklagte öffentlich und in gemeiner Weise die Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere den Glauben an Gott, beschimpft und verspottet. Der Angeklagte befindet sich auf freiem Fuß."

Zur gleichen Zeit erhielt Frank Geerk wieder anonyme Drohbriefe, in denen es zum Beispiel hieß: "Hau ab, aber rasch. Sonst wird aus dem Abscheu gegen dich und deinesgleichen offene Gewalt!" Geerk ist Deutscher; die Abstimmung über die Überfremdungsinitiative stand bevor. "Und da", meinte Kläger Breitenmoser in einem Interview, "ist es freilich ungünstig, daß ein Ausländer solche Gedichte schreibt."